Nacherzählung (1. Januar 10 – 27. April 10 )
Dienstag, 27. April 10
Gut nach dem Einst ist unter Wasser zu suchen. „Tom Busch betreibt am Heidesee (Dahme-Spreewald) eine Tauchbasis. Hechte, Karpfen, Brassen sieht er gewöhnlich unter Wasser. Auch sieben Ruderboote entdeckte er bereits auf dem Grund des 24 Meter tiefen Sees. Das älteste stammte aus den 1920er Jahren. LKW-Reifen und Einkaufswagen konnten auch nicht sonderlich überraschen“, schreibt Kathrin Bischoff in der Berliner Zeitung. „>Wir sind im Heidesee immer links herum getaucht und haben dabei allerlei gefunden<, erzählt Busch. Dann aber entschieden sich die Taucher, den See auch einmal in der anderen Richtung zu erkunden. Zunächst sahen sie nichts, nach 40 Minuten nahmen sie zunächst ein riesiges Antriebsrad wahr, dann war da plötzlich diese Mauer von 35 Zentimeter Dicke.“
„Als die beiden Männer weiterforschten, stießen sie auf Fensteröffnungen und die Überbleibsel einer hölzernen Zwischendecke. Sie waren auf de Ruine eines versunkenen zweigeschossigen Backsteinhauses gestoßen.“
Montag, 26. April 10
„Ralf Michalowsky ist ein Linker reinsten Wassers“, schreiben Hans Leyendecker und Johannes Nitschmann in der SZ, „Friedensbewegung, >Grüner Halbmond<, Türkischer Arbeiterverein, Falken, Jusos, SPD, Grüne. Überall war der 60-jährige Gladbecker dabei, manchmal auch mittenmang. Aber wer der Mann war, der bei ihm zuhause lange Zeit als Statue auf dem Klavier stand, sagt er, habe er >wirklich nicht gewusst<. Er habe >das Ding< in Weißrussland auf einem Trödelmarkt gekauft und gedacht, es handle sich >um einen russischen Musiker<. Der Mann auf dem Klavier war der Blutsäufer Felix Dschersinski, der verhasste Gründer des KGB, und eigentlich kennt jeder echte Linke vom Jahrgang 1950 die markanten Gesichtszüge des >Eisernen Felix<. Ein Parteifreund hat eine eidesstattliche Versicherung darüber abgegeben, dass die Statue bei Michalowsky auf dem Klavier stand. Jetzt liegt sie im Keller.“
Ein solches Einst wie Felix Dschersinski, erklärt der Kulturwissenschaftler, darf sich im Jetzt nur inkognito herumtreiben. Wird es erkannt, verschwindet das Einst sofort im Keller.
Sonntag, 25. April 10
Zunehmen/abnehmen. „Seit Beginn der Finanzkrise haben sich die Mitarbeiter der US-Börsenaufsicht SEC nach einer internen Untersuchung während der Arbeit vermehrt auf Pornoseiten im Internet Entspannung verschafft“, zitiert der Tagesspiegel AFP. „Einer von ihnen war ein führender Mitarbeiter, der bis zu acht Stunden am Tag auf Pornoseiten verbrachte. >Nachdem die Speicher seines Computers mit Pornobildern voll waren, lud er weitere Bilder auf CD-Roms und DVDs und hortete diese in seinem Büro<, heißt es in dem Bericht des TV-Senders ABC. Auch ein weiblicher Sex-Maniac wurde ertappt: Die Frau soll in einem Zeitraum von 14 Tagen 1800 Mal auf Sexseiten geklickt und 600 pornographische Dateien auf ihrer Festplatte versteckt haben. Wenngleich die Vorwürfe nur ein Prozent der 3500 SEC-Beschäftigten betreffen, zählen doch mehr als die Hälfte zum Kreise der leitenden Angestellten. Einer von ihnen sagte, er habe sich wegen des gestiegenen Stresses entspannen müssen.“
Das ist doch erfreulich, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, dass die Funktionäre des Kapitals in der Not auf das Lustprinzip zurückgreifen.
Samstag, 24. April 10
„>Ein Auto, ein Computer, ein Mann<: Mit der Serie >Knight Rider< begeisterte David Hasselhoff in 80ern Kinder“, unterschreibt die SZ das Foto, „dann nahm er mit >Baywatch< Pubertierende ins Visier.“
„Nun peilt er im Musikantenstadl das reife Publikum an.“ Wobei wieder einmal das Schema hier/dort im Spiel ist: Hier in Deutschland hat David Hasselhoff als Sänger Erfolg/ dort in den USA, wo er herkommt, keineswegs.
Freitag, 23. April 10
„Dem Meistermann-Museum des Eifelstädtchens Wittlich droht der Entzug seines Namens“, zitiert die Berliner Zeitung den epd. „Die Erben des Malers und Glaskünstlers Georg Meistermann (1911-1990) wehren sich dagegen, dass die Stadt den 100. Geburtstag des Wittlicher Bildhauers Hanns Scherl im Mai mit einer Ausstellung in diesem Museum würdigt. Scherl war NSDAP-Mitglied und von den Nazis ausgezeichnet, während Meistermann als >entarteter Künstler< nur eingeschränkt arbeiten konnte. Ob das Museum auch künftig nach Meistermann heiße, werde der Stadtrat am 27. April entscheiden, heißt es.“
Diese verschiedenen Vergangenheiten, bemerkt der Kulturwissenschaftler, müssen in der Gegenwart unbedingt getrennt gehalten werden. „Ich sage nur: Kohl und Reagan in Bitburg.“
Donnerstag, 22. April 10
Zunehmen/abnehmen. „>Wir haben beobachtet, dass die Birke in Berlin immer früher blüht, und führen das auf dem Klimawandel zurück<, sagt Thomas Dümmel von der FU. Seit 1984 habe sich der Blühbeginn um zehn Tage nach vorn verlagert. Auch Carl Christian Bergmann, Allergologe an der Charité und Vorsitzender der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst, bestätigt: >Die Bäume reagieren auf die wärmeren Temperaturen, indem sie früher blühen, während die Kräuter vor allem länger blühen<“, referiert Udo Badelt im Tagesspiegel.
Mittwoch, 21. April 10
„Es tut mir im Herzen weh und leid, dass ich vielen Menschen Kummer bereitet habe. Ich bitte um Verzeihung“, ließ jetzt der Augsburger Bischof Mixa verbreiten.
„Der Bischof entschuldigt sich“, resümiert Stefan Mayr in der SZ. „Wer wen genau er wofür um Verzeihung bittet, bleibt offen. Meint er die ehemaligen Heimkinder aus Schrobenhausen, die ihm Schläge mit Faust, Stock und Teppichklopfer vorwerfen? Die zunächst von ihm der Lüge bezichtigt wurden – und später teilweise recht bekamen, als er >die eine oder andere Watschen< einräumte? Meint er alle anderen Heimkinder, mit deren Geld aus der Waisenhausstiftung er einem Hochstapler einen Kupferstich für 43 000 Mark abkaufte? Meint er all die Gläubigen, die ihm mittlerweile die Glaubwürdigkeit absprechen? Oder meint er die Priester, die in ihren Gemeinden zunehmend in Argumentationsnot geraten?“ Also kein einschneidendes Jetzt, das das Einst abscheidet.
Dienstag, 20. April 10
„Von Rimbaud sind nur eine Handvoll Fotografien bekannt. Die beste davon ist die Aufnahme des 17-jähigen Dichters von Etienne Carjat“, schreibt Johannes Willms in der SZ.
„Umso größer die Sensation, dass jetzt eine weitere Aufnahme auftauchte, die Rimbaud als Erwachsenen zeigt.“
„Die Aufnahme, die Ende des 19. Jahrhunderts entstand, zeigt eine Gruppe von sieben Männern vor dem >Hôtel de l’Univers< in Aden, in dem Rimbaud bei seinen Aufenthalten im Jemen immer abstieg.“
Und dabei schaut er aus wie Jan Raspe in Stammheim! ruft der Literaturkritiker. – Wobei Rimbaud unser Schema besonders eindrucksvoll verkörpert: Einst als Jüngling ein poetisches Genie/ dann ein Hustler, womöglich Kleingangster ins Ostafrika.
Montag, 19. April 10
„Zum wahrscheinlich letzten Mal bestand am Wochenende die Möglichkeit, mit Überlebenden der Schreckenslager Ravensbrück und Sachsenhausen aus aller Welt ins Gespräch zu kommen“, schreibt Claus-Dieter Steyer im Tagesspiegel. „Beim nächsten runden Jubiläum der Befreiung in fünf Jahren dürften die Frauen und Männer schon weit jenseits der 90 sein. Schon jetzt war es erstaunlich, mit welcher Kraft sich die Frauen und Männer trotz körperlicher Gebrechen und der schweren Erinnerung an die Schrecken auf den Weg zu den Gedenkfeiern gemacht hatten. Voller Dankbarkeit registrierten die ehemaligen Häftlinge die ihnen entgegengebrachte Aufmerksamkeit durch neugierige Jugendgruppen oder spontane Besucher.“
Jetzt bot sich die letzte Gelegenheit, dies Einst in vivo zu betrachten.
Sonntag, 18. April 10
Zunehmen/abnehmen. „Der Missbrauch des Schmerzmittels Tilidin vor allem durch junge Intensivtäter hat in den ersten drei Monaten dieses Jahres rasant zugenommen“, schreibt Jörn Hasselmann im Tagesspiegel. „>In den letzten Wochen fällt uns bei Festnahmen fast immer eine Flasche Tilidin entgegen<, sagt ein für Serientäter zuständiger Kommissariatsleiter. Seine Leute müssen die Folgen tragen, denn das Mittel enthemmt die Täter und macht unempfindlich, selbst gegen Pfefferspray. >Die denken überhaupt nicht mehr nach, was sie tun<, sagt der Beamte. Im Tilidin-Rausch schlagen die auch dann noch wie rasend um sich, wenn sie von einer ganzen Gruppe Beamter umstellt sind, >die haben auf einmal acht Arme.<“
Früher hingegen, wie gerade der Tagesspiegel oft und oft berichtet hat, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, hielt in Berlin der Intensivtäter den Polizisten seine Hände immer gleich bereitwillig zum Fesseln hin
Samstag, 17. April 10
Ein unvergleichliches Jetzt, wie man es sich nur wünschen kann.
„Die Aschewolke nach dem Vulkanausbruch in Island hat Europas Luftverkehr in das größte Chaos seit den Anschlägen vom 11. September 2001 gestürzt“, schreibt die SZ. „60 Prozent der Flüge fielen am Freitag aus, wie die europäische Flugsicherung Eurocontrol meldete. Hunderttausende saßen an geschlossenen Airports fest. Im Lauf des Tages zog die Wolke über Deutschland hinweg. Dort mussten alle Flughäfen schließen, am Abend als letzter der Münchner Airport. Die Behinderungen sollten am Wochenende andauern.“
Die ganze Zeit (einst) ging ich davon aus, dass ich morgen nach New York fliege.
Freitag, 16. April 10
Zunehmen/abnehmen. „Deutschland steht nach Auffassung des Kieler Virologen Professor Helmut Fikenscher vor einer neuen Viruswelle. Es sei derzeit ein Anstieg von Erkrankungen mit dem Norovirus festzustellen, erklärte der Experte des Exzellenzklusters Entzündungsforschung“, zitiert die taz epd. „Die Zahl der aktuell gemeldeten Fälle liege über den Durchschnittswerten der vergangenen fünf Jahre. Kennzeichen seien Durchfall und Erbrechen, häufig begleitet von Schüttelfrost, Glieder- und Kopfschmerzen.“
Donnerstag, 15. April 10
Zunehmen/abnehmen. „Der vor drei Wochen ausgebrochene Vulkan im isländischen Eyjafjalla-Gletscher hat seine Aktivitäten gestern dramatisch verstärkt“, zitiert die taz dpa. „Im Tagesverlauf wurden Eruptionen von bis zu zwanzigfacher Stärke des letzten Ausbruchs gemessen. Der Luftverkehr über Südisland ist vorläufig untersagt, mit einer Ausweitung von Flugverboten über dem Atlantik ist zu rechnen. Durch das extrem schnell schmelzende Gletschereis nimmt die Überschwemmungsgefahr rapide zu. Alle 700 Einwohner in der Umgebung mussten ihre Häuser räumen.“
Mittwoch, 14. April 10
Deutliche Unterschiede zwischen Einst und Jetzt, die aber ignoriert werden dürfen.
„In friedlicher Koexistenz dürfen alte und neue Verkehrszeichen zukünftig Deutschlands Straßen beschildern. Das hat Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) gestern beschlossen und damit eine Regelung vom September 2009 für nichtig erklärt, derzufolge alle vor Mitte 1992 aufgestellten Schilder hätten ausgetauscht werden müssen. Damit bleiben auch die Mütze des Bauarbeiters und die Zöpfe eines Schulkindes künftig fester Bestandteil des Straßenbildes“, so der Tagesspiegel auf der Titelseite.
Dienstag, 13. April 10
Zunehmen/abnehmen. „Mehr als 900 Seehunde sind 2009 an Schleswig-Holsteins Nordseeküste tot aufgefunden worden“, zitiert die SZ dpa. „Damit seien es >im letzten Herbst und Winter dreimal mehr Tiere als üblich< gewesen, sagte der Biologe Kai Abt vom Kieler Büro Worldlife Consulting am Montag. Abt erfasst im Auftrag des Landes Schleswig-Holstein den Seehundbestand. Vor allem Jungtiere wurden tot aufgefunden; Abt geht davon aus, dass der größte Teil des Geburtsjahrganges 2009 gestorben ist. Bei den Untersuchungen toter Tiere sei besonders häufig Lungenwurmbefall festgestellt worden, sagte Ursula Siebert, Leiterin des Forschungs- und Technologiezentrums Westküste. Hochgradiger Lungenwurmbefall bei Seehunden werde auch aus Niedersachsen und Holland gemeldet.“
Montag, 12. April 10
Zunehmen/abnehmen. „Die Zahl gewaltsamer antisemitischer Vorfälle hat sich im vergangenen Jahr weltweit mehr als verdoppelt“, zitiert der Tagesspiegel dpa (siehe auch Welt online), die eine Studie der Universität von Tel Aviv referieren. „2009 seien insgesamt 1129 gewaltsame Vorfälle registriert worden. Die größte Zahl wurde mit 374 (2008: 112) in Großbritannien verzeichnet. In Deutschland ist die Zahl der Straftaten im vergangenen Jahr auf 33 gefallen (2008: 82).“
Sonntag, 11. April 10
Einst.
Jetzt.
„Nachdem Kaczynskis Maschine Weißrussland überflogen und die 780 Kilometer von Warschau zurückgelegt hat“, heißt es im Tagesspiegel, „verschwand sie gegen 8 Uhr 50 deutscher Zeit von den Radarschirmen und kracht in ein Waldstück, nur 500 Meter vom Beginn der Landebahn des Flughafens Sewernij in der Nähe des Städtchens Petschorsk entfernt. Es herrschte dichter Nebel.“
Samstag, 10. April 10
„Nach einem jahrelangen bizarr anmutenden Streit fällt in Holland die letzte Männerbastion“, zitiert die Berliner Zeitung dpa (siehe auch Nürnberger Nachrichten). „Die streng an der Bibel orientierte Partei SGP muss Frauen für öffentliche Wahlämter zulassen. Das entschied am Freitag der Hohe Rat, die oberste Rechtsinstanz der Niederlande. Die 1918 gegründete SGP (Staatkundig Gereformeerde Partei) hatte lange Zeit keine Frauen als Mitglieder akzeptiert und verweigert ihnen bis heute die Möglichkeit, für öffentliche Ämter zu kandidieren. Zur Begründung verweisen die führenden Männer der Partei auf die biblische Schöpfungsgeschichte. Gott habe >die Frau nicht geschaffen, den Mann zu führen, sondern ihm zu helfen<, heißt es in einer Schrift der streng calvinistisch geprägten SGP zur Frauenpolitik. >Das ist überhaupt nicht erniedrigend. Es ist vielmehr eine Ehre.<“
Wieder ein Stück Ewigkeit dem Einst überantwortet.
Freitag, 9. April 10
Zunehmen/abnehmen. „Das Koma-Trinken ist vor allem in mittelgroßen Städten und in Bayern verbreitet“, zitiert die Berliner Zeitung dpa (siehe auch heute.de). „Berlin und Hamburg hingegen liegen weit unter dem bundesdeutschen Durchschnitt. Bezogen auf die Einwohnerzahlen kommen die meisten berauschten Jugendlichen aus Bamberg, Stralsund und Hof. Unter der ersten 15 Plätzen finden sich neun bayerische Städte und Kreise.“
Donnerstag, 8. April 10
Ein neues Jetzt.
„70 Jahre nach dem Massaker von Katyn haben die Regierungschefs von Russland und Polen, Wladimir Putin und Donald Tusk, erstmals gemeinsam der Opfer in dem westrussischen Ort gedacht“, zitieren die taz und der Tagesspiegel dpa. „Beide Politiker legten am Mittwoch am Mahnmal für tausende vom sowjetischen Geheimdienst NKWD ermordete polnische Offiziere und Intellektuelle Kränze nieder. Danach reichten sich Tusk und Putin in einer historischen Versöhnungsgeste die Hand. Das Blutbad im Frühjahr 1940 war vom Sowjetdiktator Josef Stalin angeordnet worden. Es ist seit Jahrzehnten ein wunder Punkt im schwierigen Verhältnis beide Länder.“
Mittwoch, 7. April 10
Einst verkörperte diese Karosse Daimler Benz.
Einst verkörperte diese Blechkiste die französische Firma Renault.
Jetzt verschwindet der Unterschied. „Daimler unternimmt einen neuen Versuch, im Massenmarkt für Kleinwagen Fuß zu fassen“, schreiben Henrik Mortsiefer und Hans-Hagen Bremer im Tagesspiegel. „Die enge Zusammenarbeit mit dem französisch-japanischen Autohersteller Renault-Nissan , die an diesem Mittwoch bekannt gegeben werden soll, hat vor allem ein Ziel: Kosten bei Bau des Stadtwagens Smart sowie der künftigen A- und B-Klasse zu senken. >Daimler hat keine andere Wahl, wenn sich der Konzern gegen Kleinwagenwettbewerber wie Volkswagen behaupten will<, sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive der Fachhochschule Bergisch Gladbach“.
Dienstag, 6. April 10
Zunehmen/abnehmen. „Die Zahl der Rückrufaktionen der Autokonzerne ist in Deutschland in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Im vergangenen Jahr gab es 140 Rückrufaktionen wegen fehlerhafter Fahrzeuge“, referiert die taz den Jahresbericht des Kraftfahrtbundesamtes. „Bei 86 dieser Aktionen handelt es sich sogar um besonders gefährliche Mängel. Zum Vergleich: 1998 gab es nur 55 Rückrufaktionen, 27 davon wegen einer besonderen Gefährdung für Autofahrer und Passanten. Experten machen immer kürzere Entwicklungszeiten neuer Modelle, immer mehr störanfälliges Zubehör sowie die Gleichteilestrategie der Hersteller für die Zunahme der Rückrufaktionen verantwortlich.“
Gleichteilestrategie! spottet Achim, der Redakteur, der überall das Obszöne erkennt, das muss ja schief gehen. Jeder Mann hat doch sein eigenes Ding!
Sonntag, 4. April 10
„Für die Maler und Bildhauer der Avantgarde war Schönheit seit der Moderne tabu, also seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Schön stand für reaktionär. Mit größter Vehemenz erklärten die Futuristen der Schönheit den Krieg. >Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Röhren schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen… ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake<, schrieb Filippo Tommaso Marinetti 1909 im Futuristischen Manifest“, schreibt Nicola Kuhn im Tagesspiegel anlässlich einer Ausstellung in Dresden. „Fortan lieferte die Kunst Bilder von der rauen Rückseite der Wirklichkeit. Ebenmaß, Harmonie fielen unter das Verdikt, das im Grunde bis zum Jahrtausendwechsel galt.“
„Nun wankt das Bollwerk. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass Schönheit nicht nur auf dem Markt der Eitelkeiten boomt und damit die Schönheitsoperation, auch im Kunstbusiness ist Schönheit gefragt.“
Aber die jetzt erstrebte Schönheit ist, verglichen mit der von einst, der antiken, verächtlich. Und im Übrigen, bemerkt der Kunstwissenschaftler, erkennt man so deutlich den Zwang des Schemas: Die Futuristen, die Avantgarde von einst, interessierten sich doch offensichtlich ganz und gar nicht für das Hässliche, für die raue Rückseite der Wirklichkeit. Sondern für eine andere Schönheit als die antike.
Samstag, 3. April 10
„Der Karfreitag stand in Polen ganz im Zeichen des fünften Todestages von Papst Johannes Paul II. Aus diesem Anlass publizierten die Medien zahlreiche Berichte über den Zustand der katholischen Kirche Polens. Kommentatoren von rechts bis links sind sich in ihren Bewertungen einig: sie ist zwar nach wir vor die stärkste gesellschaftliche Kraft, doch hat sie seit der Wende von 1989 enorm an Bedeutung verloren“, schreibt Thomas Urban in der SZ. „Nach den neu publizierten Zahlen hat sich die Zahl der Priesteramtskandidaten in den letzten zwei Jahrzehnten halbiert, ebenso wie die Zahl der Besucher der Sonntagsmesse. Im Landesdurchschnitt sind das nur noch rund 40 Prozent, in den Städten und bei der jungen Generation rund 25 Prozent. Bei einer Umfrage unter Abiturienten erklärte nur jeder fünfte, er bete täglich und sehe in Johannes Paul II. ein Vorbild. Dennoch bezeichnen sich 90 Prozent der Polen nach wie vor als Katholiken.“
Wenn das der oberste Kirchenfürst ist, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, wer möchte sich da hinter ihm scharen, um in eine frohe Zukunft zu marschieren?
Donnerstag, 1. April 10
„Kleiner Mann – was nun?“ steht auf der Titelseite des SZ-Magazins zu lesen. „Der Beruf des Politikers war einmal eine geschätzte Profession. Er handelte von Leidenschaft, Gemeinsinn und dem Bohren dicker Bretter. Heute dealt das politische Personal mit Sponsoren, lädt Geschäftspartner auf Dienstreisen ein und eröffnet feierlich das Teilstück einer Landstraße.“
Stimmt, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, einst konnte man den Staatschef dabei bewundern, wie er das Münchner Haus der Kunst eröffnete.
Mittwoch, 31. März 10
Zunehmen/abnehmen. „381 Brandenburger haben im vergangenen Jahr auf der Warteliste für eine Organspende gestanden. Das waren 20 Patienten weniger als ein Jahr zuvor“, zitiert der Tagesspiegel DDP, der die Techniker-Krankenkasse referiert. „Die meisten Betroffenen warten auf eine Spenderniere, derzeit sind das 303 Menschen. Die durchschnittliche Wartezeit auf eine Niere beträgt sieben Jahre. Weitere 50 Patienten brauchten 2009 eine Spenderleber, 17 ein Herz, 13 eine Lunge und sieben eine Bauchspeicheldrüse. Insgesamt sei die Spendenbereitschaft in Brandenburg höher als im Bundesdurchschnitt. Auf eine Million Einwohner kämen in der Mark 19,1 Organspenden. Bundesweit seien es 14,9. Im vergangenen Jahr spendeten 48 Brandenburger Organe.“
Da wären im Einzelnen, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, genauere Angaben über das Zunehmen und Abnehmen aber doch wünschenswert gewesen.
Dienstag, 30. März 10
„Die Abwicklung der DDR ist auch zwei Jahrzehnte nach ihrem Untergang noch nicht abgeschlossen. Immer noch geht es zum Beispiel um verschwundenes Vermögen der ehemaligen Staatspartei SED – wobei in diesem Fall nicht nur deutsche Instanzen beteiligt sind. Nun hat das Zürcher Obergericht in zweiter Instanz eine österreichische Bank dazu verurteilt, 240 Millionen Euro an die Bundesrepublik zu überweisen. Eine Hauptrolle in diesem verworrenen Stück spielen dabei die österreichische Kommerzialrätin Rudolfine Steindling und die 1951 gegründete Ostberliner Novum GmbH. Es geht um Betrug, Veruntreuung und Geldwäsche“, so Robert Probst in der SZ.
Montag, 29. März 10
„>Durch die aktuelle Berichterstattung ist die Vergangenheit bei mir wieder hochgekommen<, berichtet der Berliner Stephan H. Die Taten liegen lange zurück. Stephan H., heute 40, machte als 17-Jähriger eine Zeugenaussage gegen Winfried M., den Erzieher seines Internats-Wohntrakts. In der Folge wurde der Heimbetrieb eingestellt“, schreibt Patricia Wolf im Tagesspiegel. „Auf Vermittlung des zuständigen Generalvikariats hin gab es dieser Tage ein Treffen zwischen Stephan H. und Winfried M. Der ehemalige Erzieher, der sexuelle Übergriffe eingestand, hatte gebeten, sich entschuldigen zu können. >Es hat mir einiges abverlangt, mich mit ihm zu treffen. Die Erinnerungen an die Ohnmacht und den Vertrauensverlust kamen wieder hoch<, beschreibt es Stephan H.“
Sonntag, 28. März 10
„Nun können wir also die Segnungen unseres großen Bruders USA in vollen Zügen genießen: befristete Arbeitsverhältnisse, Niedriglohnsektor, Zeitarbeit, Umgehung tariflicher Regelungen, Stundenlöhne von 3,15 Euro im Osten oder 4,65 Euro im Westen, Wochenarbeitszeiten von 50 und mehr Stunden. Gesamtdeutschland mutiert zur bloßen und einträglichen Spielwiese der Kapitalverwertung. Das soll noch irgend etwas mit Demokratie und sozialpolitischer Verantwortung zu tun haben? Wie tief sind wir doch gefallen… und fallen und fallen.“ So Christoph Schlüter aus Berlin-Wilmersdorf in einem Leserbrief an den Tagesspiegel. Einst waren wir oben (oder wenigstens in der Mitte), jetzt sind wir unten.
Samstag, 27. März 10
Ein Comeback, das keine Nostalgie hervorgerufen hat. „Die S-Bahn will die aufgrund technischer Versäumnisse Züge der älteren Baureihe 485 (>Coladose<) bald wieder flott machen. Noch im Frühjahr sollen die ersten Wagen wieder in Betrieb gehen, erklärte ein Bahnsprecher am Freitag“, zitiert der Berlinteil der taz dpa. „Die S-Bahn hat noch 120 Wagen dieser Baureihe in ihrem Bestand. Hinzu kommen noch 40 weitere, die nach langen Jahren auf dem Abstellgleis komplett saniert werden sollen, damit die Bahn bei Engpässen auf weitere Reserven zurückgreifen kann.“
Freitag, 26. März 10
Zunehmen/abnehmen. „Die Zahl der Drogentoten ist in Deutschland wieder gesunken. Nach einem zweimaligen Anstieg in den Jahren zuvor ging sie im vergangenen Jahr deutlich auf 1331 zurück – eine Verringerung um acht Prozent. 2008 war die Zahl der Drogentoten noch um 55 auf 1449 gewachsen und hatte den höchsten Stand seit fünf Jahren erreicht. Längerfristig gibt es aber weniger Rauschgiftopfer“, zitiert die taz dpa, die Mechthild Dyckmann, Drogenbeauftragte der Bundesregierung referiert. „Die häufigste Todesursache sei mit Abstand eine Überdosis Heroin oder ein Mischkonsum von Heroin mit anderen Drogen. Im Durchschnitt waren die Todesopfer zum Zeitpunkt ihres Todes 36 Jahre alt.“
Donnerstag, 25. März 10
„Früher waren Skitouren“, lautet eine Zwischenüberschrift im Reiseblatt der SZ, „nur etwas für Könner auf der Suche nach Einsamkeit in den Bergen, heute wird der Sport als Spektakel für alle vermarktet“.
„Eine Skitour wie sie sein soll“, lautet die Bildunterschrift. „Doch an manchen Hängen marschieren die Bergsportler bisweilen schon in Kolonnen voran.“
Diese vier, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, sollen wir also als individuelle Könner bewundern, statt sie als Kolonne zu verachten?
Mittwoch, 24. März 10
„Im Sommer 1944 hat Heinrich Boere, heute 88 Jahre alt, in den von deutschen Truppen besetzten Niederlanden drei Menschen erschossen“, schreibt Hans Holzhaider in der SZ. „1949 wurde er dafür von einem Sondergerichtshof in Amsterdam zum Tode verurteilt, die Strafe wurde später in lebenslange Haft umgewandelt. Aber da hatte sich Boere längst der holländischen Justiz entzogen. 1947 war er aus der Kriegsgefangenschaft entflohen, sieben Jahre hielt er sich in Holland versteckt, dann überquerte er die deutsche Grenze und ließ sich in seinem Geburtsort Eschweiler als Bergmann nieder. Seit 1976 lebt er als Rentner in einem Seniorenheim. Nie hat er geheiratet – er habe ja, sagte er einmal, jeden Tag befürchten müssen, abgeholt zu werden.“
„Jetzt hat ihn seine Vergangenheit eingeholt. Das Landgericht Aachen verurteilte ihn wegen Mordes in drei Fällen zu lebenslanger Haft. Der Urteilsbegründung folgte er teilnahmslos, zeitweise sah es aus, als sei er eingeschlafen.“
Dienstag, 23. März 10
„Vor wenigen Tagen noch sah es so aus, als wäre Barack Obama am Ende seines ersten Amtsjahres an die Grenzen seiner Möglichkeiten gelangt. Der Präsident des >Yes, we can<, dessen Wahl einen seit Jahrzehnten nicht mehr dagewesenen euphorischen Ruck sowie gigantische Erwartungen ausgelöst hatte, schien in einer unauflöslichen Blockade zu stecken. Innenpolitisch wie außenpolitisch“, schreibt Dorothea Hahn in der taz. „Die Abstimmung über die Gesundheitsreform hat diese Dynamik gebrochen. Auf einen Schlag ist Obama in die Reihe jener US-Präsidenten gerückt, die Historisches verändert haben.“
Leider bleibt unklar, ob das Foto aus diesem historischen Jetzt stammt oder aus einer beliebigen anderen Situation.
Montag, 22. März 10
Zunehmen/abnehmen. „Vor allem im Westen Deutschlands, im Ruhrgebiet, in Köln, aber auch in Hamburg und München gibt es deutlich weniger Haussperlinge“, erklärt Markus Nipkow vom Naturschutzbund in der SZ. „In vielen Großstädten macht der Futtermangel den Vögeln zu schaffen. Es gibt einfach weniger Insekten, die für die Brutaufzucht gebraucht werden. In Osteuropa scheint der Rückgang bei den Spatzen nicht so stark zu sein. Aber in London oder Brüssel ist es noch schlimmer als in den deutschen Städten. Viele Leute halten den Spatz ja für allgegenwärtig – tatsächlich wurde er bereits auf die Vorwarnliste der Roten Liste gesetzt. Nur Berlin ist ein Sonderfall. Hier ist es angenehm unordentlich, es gibt keine blank gelackten Gehwege oder beschnittenen Vorgärten. Das mag der Spatz.“
Sonntag, 21. März 10
„Balian Buschbaum, 29, war als Yvonne Buschbaum durchs Stabhochspringen bekannt“, liest man im Tagesspiegel, „Bestleistung 4,70 m, zwei Mal deutsche Meisterin, Olympiasechste in Sydney. Seit einer Operation vor eineinhalb Jahren ist Buschbaum offiziell ein Mann.“
„Haben Sie denn Sex neu lernen müssen?“ fragen Björn Rosen und Norbert Thomma.
„Nein, überhaupt nicht. Und das mit der Penispumpe ist einfach“, antwortet Balian Buschbaum. „Sie gucken so fragend. Ich erkläre es Ihnen. Der eine Hoden ist aus Silikon, der andere ist ein Ballon, da ist eine Flüssigkeit drin, da drücke ich drei, vier Mal drauf und pumpe diese in die Schwellkörper, das bringt die Erektion. Zurückfließen kann das nur, wenn ich quasi am Ballon den Knopf drücke.“
Das konnte er gleich, das musste er nicht lernen? hätte unsere Freundin Jutta gerätselt. Hat denn schon Yvonne Buschmann sich einst einer Penispumpe bedient?
Samstag, 20. März 10
„Auch in der heimischen Küche geriet die rustikale Kost nahezu in Vergessenheit. Früher gab die Mutter ihre Rezepte und ihre Tricks an die Tochter weiter, manche sogar in schriftlicher Form, niedergeschrieben in ein kleines Büchlein, und die Tochter sagte dann wiederum ihrem Nachwuchs, wie man gut kocht – im besten Fall. Das scheint nun schon seit längerem nicht mehr zu passieren“, schreibt Robert Lücke in der SZ – um sogleich die Wiederkehr des Einst auszurufen: „Aber der Wind hat sich gedreht, was unter anderem auf den Trend zur regionalen Küche zurückzuführen ist: traditionelle deutsche Gerichte finden den Weg wieder auf die Speisekarten. So beginnt selbst die Pizza-Pasta-Generation damit, Kohlrouladen für sich zu entdecken.“
So verwandeln sie, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, sogar das Eisbein mit Erbspüree und Sauerkraut jetzt in ein gepünzeltes Trüffel-Düddeldü…
Freitag, 19. März 10
Zunehmen/abnehmen. „Bei den Bombenangriffen britischer und amerikanischer Flieger auf Dresden sind 1945 Menschen aus fast 20 Nationen ums Leben gekommen. Unter den Opfern waren auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene“, zitiert die Frankfurter Rundschau dpa, die eine Historikerkommission referiert. „Sie bekräftigte ihre bereits auf dem Deutschen Historikertag 2008 berichtete Opferzahl: Danach wurden bei den Bombardements vom 13. bis 15. Februar 1945 bis zu 25 000 Menschen getötet. Die NS-Propaganda hatte 200 000 Tote geltend gemacht.“ Das kommt sehr selten vor, bemerkt der aufgeweckte Jungleser, dass in der Zeitung eine Opferzahl ab- statt zunimmt. „Bei ihrer Arbeit hatten sich die Historiker mit zahlreichen Legenden zu befassen. So gingen Fachleute bisher davon aus, dass Dresden im Februar 1945 voller Flüchtlinge war. Dafür gibt es anhand der Opferstatistiken keine Belege. Auch die Theorie von zehntausenden Toten, die im Feuersturm spurlos verbrannten, lässt sich aus Sicht der Fachleute nicht halten.“
Donnerstag, 18. März 10
Er verschwindet nicht im Einst, Hosni Mubarak, um einem neuen Jetzt in Gestalt seines Sohnes Gamal Platz zu machen.
„Nachdem sich der ägyptische Präsident Hosni Mubarak zehn Tage lang völlig abgeschirmt in der Heidelberger Universitätsklinik einer Operation unterzogen hatte“, schreibt Karim El-Gawhary in der taz, „strahlte das ägyptische Staatsfernsehen am Donnerstagabend die ersten Bilder des 81-Jährigen aus, der sich, entspannt im Bademantel an einem Tisch sitzend, mit zwei deutschen Ärzten unterhielt.“
Mittwoch, 17. März 10
„Ein Jahr nach seiner Einführung auf dem deutschen Markt ist das E-Book in Deutschland noch ein Phantom“, schreibt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. „Doch seine Unsichtbarkeit täuscht. Die Branche kennt kein anderes Thema. In den Verlagen tagen die Arbeitsgruppen, der stationäre Buchhandel zittert, und die Hardwareindustrie sinnt auf Konkurrenz zu Apples iPad, das als Multimediastation den Sturm entfachen könnte, auf den Sony mit seinem allein auf die Textdarstellung konzipierten Reader vergeblich hoffte. Die Ahnung, dass die kognitive Wende hinter uns liegt und nur noch keinen angemessenen technologischen Ausdruck gefunden hat, treibt alle um.“
Noch so ein Jetzt, das vollkommen in Erscheinung zu treten sich weigert.
Dienstag, 16. März 10
Zunehmen/abnehmen. „Die Zahl der Berliner Kinder mit auffälligen Bewegungs- und Sprachdefiziten steigt rasant“, schreibt Christoph Stollowsky auf der Titelseite des Tagesspiegel. „Nach Schätzungen des Verbandes der Berliner Kinderärzte bekommt bereits jedes vierte Kind zwischen zwei und sechs Jahren eine logopädische oder ergotherapeutische Behandlung verordnet, um es >schulfähig zu machen<. Allein in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres bezahlten die Krankenkassen in Berlin rund 19 000 solche Ergotherapien. Nach Berechnungen der Techniker-Krankenkasse haben sich die Zahlen damit seit 2005 mehr als verdoppelt.“
Montag, 15. März 10
„Am Eingang stehen Wachleute herum“, schreibt Frank Nienhuysen in der SZ, „aber es gibt keinen Menschen, den sie beschützen würden. Skrunda-1 ist ein verlassener Ort in Lettland, ausgestorben, zugewildert mit wildem Grün, unbewohnt, seit die russischen Soldaten in den neunziger Jahren abgezogen sind. Die Wohnhäuser, die Schule, der Kindergarten, die Sauna-Anlage, diverse Baracken, Garagen und zwei ehemalige Nachtclubs verwesen in aller Ruhe.“
„Nun aber steht dem Geisterort eine neue Zukunft bevor. Skrunda-1 ist auf einer Auktion komplett versteigert worden, den Zuschlag erhielt zunächst ein russisches Unternehmen namens Alexejewskoje-Servis. Für knapp zwei Millionen Euro, fast zehnmal so viel wie der Startbetrag. Dann kam ein Aserbaidschaner ins Spiel. Und jetzt ist wieder alles offen.“
Es gibt also kein neues Jetzt zu verkünden. Sondern nur, dass es auf sich warten lässt.
Sonntag, 14. März 10
„Ein malerisch mächtiger Kran, der einst Lokomotiven und Frachtschiffe hievte, steht als Denkmal vergangener industrieller Majestät am Ufer des Clyde“, schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel über Glasgow.
Dann gab s ein zweites Einst, der Verfall und die Deklassierung der Stadt – und jetzt ein neues Jetzt: „Jährlich reisen mehr als 2,8 Millionen Besucher nach Glasgow, bis 2011 sollen sieben neue Designer-Hotels eröffnet werden. Das Konferenzwesen boomt. Wo die Luft einst so verpestet war, dass der Schiffsbaumagnat William Burrell seine Kunstsammlung in einer Villa zehn Meilen außerhalb der Stadt unterbrachte, um die Kunstwerke vor Schaden zu bewahren, ist heute alles Style und Design. Man ist dann geradezu erleichtert, zwischen Central Station und Flussufer ein paar alte, aufgelassene Gebäude zu entdecken, ein paar Schmutzecken, denn seelenlose zeitgenössische Architektur hat sich hier ebenso mächtig ausgebreitet wie das Elegante und Innovative.“
Samstag, 13. März 10
„Das Gespräch zu Hause erstirbt nicht“, schreibt Jutta Breun aus Hergesheim in einem Leserbrief an die SZ, „sondern entsteht in vielen Familien gar nicht mehr! Als Kinder- und Jugendbuchautorin beobachte ich bei Kindern schon länger eine eingeschränkte Sprache, die sich oft nur auf Fetzen reduziert. Erschreckend ist auch die Lesekompetenz bei Vorlesewettbewerben. Flüssiges Vorlesen kommt fast nur noch bei Gymnasiasten vor. Lebenskompetenz entsteht auch durch Lesekompetenz! Gute Bücher, die auch die Jungs als Lesemuffel erreichen, sind daher wichtig, und alle Schulen sollten Bibliotheken haben und Literatur-Arbeitskreise anbieten, die zum Gespräch anregen.“
Vor allem natürlich, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, über die Bücher von Jutta Breun. Das wäre ein Schlag in die Fresse der Computerspielindustrie, die so skrupellos die Computerspielsucht der Jugend stachelt!
Freitag, 12. März 10
Der Yorkshire Pudding, schreibt Wolfgang Koydl in der SZ über das Einst, „ist die Antwort der englischen Küche auf den Kloß, die Pasta oder die Kartoffel: eine unscheinbare Beilage aus Eierkuchenteig, deren einziger Lebenszweck darin besteht, Bratensaft aufzusaugen.“
„Nun aber strebt das bescheidene Teigtäschchen nach höheren Ehren, genau genommen in den Walhall europäischer kulinarischer Köstlichkeiten, wo Parma-Schinken, Lübecker Marzipan, Roquefort und griechische Kalamata-Oliven einen Ehrenplatz gefunden haben. So wie bei diesen Speisen sollen auch beim Yorkshire Pudding Name und Herkunft von der Europäischen Union verbindlich gesichert und geschützt werden.“
Sozialer Aufstieg, einst unten, jetzt oben. Aber bevor er stattfindet (so der Soziologe) schaut der Kandidat besonders schäbig und lächerlich aus.
Donnerstag, 11. März 10
Zunehmen/abnehmen. „Mehr Kinder mit ausländischen Wurzeln besuchen die Schulen – und sie sprechen bei ihrer Einschulung besser Deutsch als früher. In den Realschulen stieg der Anteil von Schülern mit nichtdeutscher Muttersprache in den vergangenen fünf Jahren von 28,1 Prozent auf 40,3 Prozent, in Hauptschulen von 40,8 Prozent auf 49 Prozent“, zitiert der Berlinteil der taz dpa, die eine Antwort der Berliner Bildungsverwaltung auf eine Anfrage der Grünen referiert. „2005 benötigten 55 Prozent der Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache laut den Tests zum Schulanfang Förderunterricht. Bis 2009 sank der Anteil auf etwas mehr als 30 Prozent.“
Mittwoch, 10. März 10
Hübsch kehrt das Einst im Jetzt wieder, wenn es in verkleinertem Maßstab erscheint. „Der Berliner Architekt Cord Woywodt hat ein Herz für die DDR-Baukultur“, heißt es im Tagesspiegel. „Er entwirft und verkauft Bastelbögen, die zu Plattenbauten, Fernsehturm, Palast der Republik gefaltet und geklebt werden können (www.faltplatte.de). Das New Yorker Museum of Modern Art war davon so angetan, dass es die Pappmodelle in seinen Design Store aufgenommen hat.“
Dienstag, 9. März 10
Am 12. Februar beerdigte man in Dresden-Tolkwitz die Reste von 14 Kriegstoten, die jetzt erst gefunden worden waren, Särge groß wie Schuhkartons. „Der Krieg steckt tief im Boden“, schreibt Bernhard Honnigfort in der Frankfurter Rundschau. „Noch heute findet man die Toten. Beim Straßenbau, beim Verlegen von Gasleitungen, beim Ausschachten von Kellern für neue Häuser tauchen sie wieder auf. Zehn bis zwölf Tote allein in Sachsen. Oft Soldaten, umgekommen in den letzten Kriegsmonaten und dann irgendwo verscharrt. Die allermeisten sind nicht identifizierbar.“
Montag, 8. März 10
„Die frühen Zeiten waren die besten. Damals, in der wilhelminischen Schlussphase des Kaiserreichs, hatten sich die Wege von Kabarett und Cabaret noch nicht geschieden, denn zuviel Bein zeigte, rief dieselben Mächte auf den Plan wie derjenige, der über den Schnurrbart des Kaisers spottete“, resümiert Burkhard Müller in der SZ. „Wer in jüngster Zeit einem Münchner Kabarett-Abend beiwohnte, konnte erleben, wie kleinere und größere Politik zwei Stunden lang in der Kategorie der zu entlarvenden Dummheit verhandelt wurde“, so Burkhard Müller über das Jetzt. „Aber wenn man gar zu genussvoll die Dummheit der anderen verhöhnt, wird man selber dumm. Zum Schluss stimmten die Akteure auf der Bühne den Kanon an: >Dumm zu sein bedarf es wenig, und wer dumm ist, ist der König<, und das Publikum fiel nur allzu gerne ein.“
Sonntag, 7. März 10
Dieser Winter bildet ein perennierendes Einst, das nicht zugunsten eines neuen Jetzt vergehen will. „Die letzten Eis- und Schneereste waren erst geschmolzen – nun hat ein neuer Wintereinbruch mit heftigen Schneefällen weite Teile Deutschlands erneut in ein Verkehrschaos gestürzt“, zitiert der Tagesspiegel dpa und ddp. „In der Nacht zum Samstag ging auf vielen Autobahnen gar nichts mehr. Lastwagen standen quer, Autos rutschten ineinander. Auf zahlreichen Flughäfen kam es zu Verspätungen.“
Samstag, 6. März 10
Martin Kemp, Bassist bei Spandau Ballet, klärt, wie es einst zu dem Namen kam: „>Ein Freund rief uns damals von einer Berlin-Reise an und erzählte, er hätte die zwei Wörter auf einer Toilettentür gelesen. Wir wussten nicht, was sie bedeuteten, fanden aber, dass sie toll klingen<, erzählt der 48-Jährige“, so Eva Kalwa im Tagesspiegel. „Zusammen mit seinem Bruder, Gitarrist Gary, spielte er in der 1979 gegründeten Synthie-Pop-Gruppe, bis sie sich 1990 auflöste. 2009 wurde dann die Wiedervereinigung bekannt gegeben, und am heutigen Sonnabend treten Spandau Ballet erstmals nach rund 20 Jahren wieder in Berlin auf.“
Das haben sie aber gut hingekriegt, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, dass man die 30 Jahre zwischen Einst und Jetzt kaum bemerkt. Insbesondere der Trinkbecher ist genial.
Freitag, 5. März 10
Zunehmen/abnehmen. Die SZ fragt im Scherz Carsten Renker, Biologe, ob Deutschland eine Heuschreckenplage bevorsteht: „Bei vielen Heuschreckenarten konnten wir in letzter Zeit Zuwächse feststellen Durch die warmen Sommer der vergangenen Jahre sind mediterrane Heuschreckenarten über die Alpen nach Deutschland eingewandert. Sogar Arten, die vom Aussterben bedroht waren, haben sich teilweise massiv wieder ausgebreitet. Eine Heuschreckenplage droht aber nicht. Nicht alle Arten haben das Potential zu Plagen.“
Eine Pathosformel! schwärmt der Kulturwissenschaftler. Das älteste Einst, eine der mosaischen Strafen gegen Ägyptenland, möchte wiederkehren im Deutschland der Gegenwart.
Donnerstag, 4. März 10
Zunehmen/abnehmen. „Die meisten Deutschen haben die Sorge, dass es ihnen nie wieder so gut gehen wird wie heute oder in der Vergangenheit“, referiert Holger Schmale in der Berliner Zeitung und in der Frankfurter Rundschau. „>Die Mehrheit fürchtet, Deutschland könne seinen Zenit überschritten haben<, heißt es im gestern veröffentlichten 12. Jahrbuch des Instituts für Demoskopie Allensbach, das auf Befragungen der Jahre 2003 bis 2009 beruht. Auf Sicht von zehn Jahren rechneten viele Menschen mit sinkendem Wohlstand, Einschnitten in das soziale Netz, wachsender Arbeitslosigkeit und zunehmenden sozialen Konflikten. Die beste zeit Deutschlands waren aus Sicht vieler Bundesbürger die siebziger Jahre. Das letzte Jahrzehnt empfinden nur zwei Prozent als eine gute Zeit.“
Richtig schwarz ist gleichwohl nicht das jetzige, sondern erst das in den nächsten zehn Jahren kommende Jetzt.
Mittwoch, 3. März 10
„Der monatelange Winter hat das Verhalten der Berliner konserviert“, liest man in der taz. „Die Schneeschmelze bringt es nun überdeutlich an den Tag: Berge von Zigarettenkippen vor Hauseingängen zeugen zum Beispiel untrüglich von einem dahinterliegenden Großraumbüro mit Rauchverbot. Und die auffällige Ansammlung von Pappbechern samt Plastikdeckeln vor einer Kirche in Mitte erinnert an ein Filmteam, das dort Ende Januar rund um die Uhr drehte – und seine leeren Kaffeebecher einfach in den Schnee fallen ließ.“
Im Zentralpark enthüllt das Tauwetter die Überreste der Silvesterfeiern.
Aber auch die Beute, die eine Diebesbande zurückließ, als sie fluchtartig ihr Lager in den Büschen räumte.
Dienstag, 2. März 10
Zunehmen/abnehmen. Immer häufiger beschweren sich in den Berliner Bezirken Anwohner direkt bei der Obrigkeit über den Lärm und andere Belästigungen durch Partys, Clubs, Märkte; gern geht man vor Gericht. Der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann erklärt das einerseits mit der zunehmenden Verrechtlichung aller Lebensbereiche. „>Es gibt zum einen mehr Möglichkeiten, sich zu beschweren. Durch das entwickelte Umweltrecht und die dazugehörigen Lärmschutzverordnungen sind Klagen durchsetzungsfähiger als noch vor 20 oder 30 Jahren<“, referiert Torsten Lehmann in der taz. „Zum anderen spricht Häußermann von Lebensstilkonflikten. >Leute, die über akademische Bildung verfügen, zudem den ökonomischen Hintergrund und Kontakte zu Anwälten haben, nutzen eher ihr Recht aus, als sich mit Nachbarn persönlich auseinanderzusetzen.<“
Also zunehmend Klassenkampf von oben, resümiert der Soziologe. Wobei man sich aber die gute alte Zeit, als der eine Proletarier seine Ruhe und der andere seinen Spaß haben wollte und es darüber zu persönlichen Auseinandersetzungen kam, nicht allzu idyllisch vorstellen darf.
Montag, 1. März 10
„Der Zugverkehr am Frankfurter Hauptbahnhof musste zeitweise eingestellt werden“, heißt es in der SZ. „Am Abend fuhren Richtung Norden nur einzelne Züge mit verringerter Geschwindigkeit. Zwischen Fulda und Hanau stieß ein ICE gegen einen umgestürzten Baum. Etwa 800 Reisende saßen stundenlang fest. Am Frankfurter Flughafen fielen bis zum Abend mehr als 220 Flüge aus. Auch der Bahnhof am Flughafen musste zeitweise gesperrt werden. Der Sturm hatte Scheiben einer Glaswand zerspringen lassen.“
Gleichwohl, das ekstatische Jetzt, das ein tüchtiger Sturm erzeugt, macht Freude.
Sonntag, 28. Februar 10
„Die Zeiten sind zum Glück vorbei“, schreibt Hartmut Wewetzer im Tagesspiegel, „als ein Arzt zu einer schwangeren Frau sagte: >Schnaps ist jetzt tabu – erlaubt sind nur noch Bier und Wein.< Noch vor gut 30 Jahren war so eine Aussage in deutschen Sprechzimmern wohl nicht gar so ungewöhnlich. Heute dürfte sie tabu sein. Denn mittlerweile weiß die Medizin sehr gut, welchen Schaden natürlich auch Bier und Wein im Mutterleib anrichten.“
Samstag, 27. Februar 10
„>Umwerfend für ihre 76 Jahre<, haucht ein junger Schauspieler, der gerade eine Szene mit Collins abgedreht hat. >Sie wirkt immer noch wie Alexis aus ‚Denver’ – wie 50.< Was nicht ganz richtig ist. Schließlich hat Joan Collins 1986, mit 53 Jahren, in der nebenbei von ihr produzierten Serie >Sünden< sogar eine 20-jährige Modejournalistin gespielt. Folgerichtig liegt ihr offizielles Filmalter heute bei Mitte 40, dem Alter ihres fünften und aktuellen Ehemanne Percy Gibson, durch den sie sich vor acht Jahren >neu erfunden< hat“, so Marten Rolff in der SZ.
Freitag, 26. Februar 10
Das SZ-Magazin konfrontiert 16 Celebrities mit ihrem Einst, was irgendwas mit Mode zu tun haben soll.
Unter ihnen David Bennent, beide Male fotografiert von Roswitha Hecke.
„Bis ich zwanzig Jahre alt geworden bin“, erklärte er Christine Mortag im Interview, „war ich 1,30 Meter groß. Das hieß: Kinderabteilung, Micky-Maus-Motive. Dann wuchs ich noch mal 25 Zentimeter. Seitdem komme ich gut zurecht. Meist müssen nur die Hosen gekürzt werden. Und ich habe die Maßanfertigung entdeckt.“
Donnerstag, 25. Februar 10
Die Entscheidung, die das Jetzt unverwechselbar markiert.
„Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, gibt ihre kirchlichen Spitzenämter mit sofortiger Wirkung auf“, heißt es im Tagesspiegel. „Käßmann zog damit am Mittwoch die Konsequenzen aus dem Bekanntwerden einer alkoholisierten Autofahrt. Sie trete als EKD-Vorsitzende und als hannoversche Landesbischöfin zurück, teilte die 51-jährige in Hannover mit. Sie könne und wolle >nicht darüber hinwegsehen, dass das Amt und meine Autorität als Landesbischöfin sowie als Ratsvorsitzende beschädigt sind.< Sie bleibe aber Pastorin der Landeskirche.“
Mittwoch, 24. Februar 10
Zunehmen/abnehmen. „>In unserer Freizeitgesellschaft wagen sich die Leute überall immer dichter an die Strände und immer weiter raus aufs Wasser, ohne dass sie die Gewalten ernst nehmen<, sagt Dr. Friedwart Ziemer Experte beim Institut für Küstenforschung in Geesthacht. So kommt es heutzutage zu immer mehr Beobachtungen von Riesenwellen“, schreibt Annette Kögel im Tagesspiegel. „Amerikanische Wissenschaftler warnen, dass die Wellen im nordöstlichen Pazifik offenbar deutlich höher geworden sind. Zwei Tiefwasserbojen maßen, dass sogenannte >Jahrhundertwellen< zu Beginn der siebziger Jahre noch 10 Meter Höhe erreichten – jetzt sind es 14 Meter.“
Dienstag, 23. Februar 10
„>Niemand hat sich vorstellen können, dass so etwas auch bei uns, in unserem Erzbistum oder gar im Canisius-Kolleg vorkommt.< In der Stimme von Ingrid Fuhrmann schwingt Entsetzen mit, wenn sie über den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche spricht. Gut drei Wochen, nachdem sich der Rektor des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, mit den ersten Missbrauchsfällen an die Öffentlichkeit wandte, stehen Berlins Katholiken noch immer unter Schock“, schreibt Benjamin Lassiwe im Tagesspiegel.
Dabei ist doch altbekannt, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, dass der Pater nach dem Ministranten giert – allerdings nur in Irland oder Chicago. Keinesfalls hier.
Montag, 22. Februar 10
„Er kam mit dem Hubschrauber, las 13 Minuten einen Text ab, weinte, umarmte seine Mutter, flog weg, und nun rätselt die Fachwelt, was das war, was Tiger Woods am Freitag aufgeführt hat“, berichtet Gerald Kleffmann in der SZ. „Eine ehrliche Beichte? Ein Gruß an seine zigfach gehörnte Gattin? Eine PR-Nummer, um verprellte Sponsoren zu beruhigen? Fest steht nur: Der reichste Sportler auf Erden hat mit seiner öffentlichen Entschuldigung, bei der keine Fragen erlaubt waren, nicht jene Reaktionen erzeugt, die sich seine Berater erhofft hatten. Der Beifall fällt spärlich aus, seit dem Auftritt im Golfclubhaus in Ponte Vedra Beach (Florida) wird vielmehr großteils auf ihn eingedroschen.“
Er hat’s vermasselt. Er konnte Einst und Jetzt nicht substantiell voneinander scheiden.
Sonntag, 21. Februar 10
„Die Einheit der Union, um die Helmut Kohl noch einen gewaltigen Kampf geführt hat“, schreibt Tissy Bruhns im Tagesspiegel, „ist von den Vorsitzenden der beiden C-Parteien sang- und klanglos aufgegeben worden. Die >Union< existiert auf dem Papier, auf dem die Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU im Bundestag fixiert ist. Politisch und geistig trennt die von Parteichefin Angela Merkel kalt modernisierte CDU von Horst Seehofers CSU so viel, dass bei Steuern, Gesundheit, Familie der Alltagskonflikt zum Normalfall geworden ist: Eigenheimzulage, Kopfprämie, Betreuungsgeld. Als seien sie mental aus zwei Welten, kämpfen die Schwesterparteien der Union ums Überleben als Volkspartei.“
Einheit/Zwietracht, erklärt der Systemtheoretiker, das ist eine überaus beliebte Formel zur Unterscheidung von Einst und Jetzt. Aber was fangen wir mit kalt/warm an? (Merkel, Modernisierung, Seehofer.)
Samstag, 20. Februar 10
„Noch am Donnerstagvormittag herrschte in Nigers Hauptstadt Niamey Normalität: Die neuen Botschafter von Mali und Tunesien akkreditierten sich, die regierungstreue Menschenrechtskommission wetterte auf einer Pressekonferenz gegen zivilgesellschaftliche Aktivitäten“, berichtet Dominic Johnson in der taz über das Einst (vorgestern). „Dann legte sich die Mittagshitze über die Sahel-Hauptstadt, und am Präsidentenpalast brachen Feuergefechte aus. Am Abend war Präsident Mamadou Tandja gestürzt, das Militär hatte die Macht übernommen. Und schon am Freitag war die Lage wieder so ruhig, dass die neue Junta die soeben dekretierte Ausgangssperre und Schließung der Landesgrenzen wieder aufheben konnte.“
Freitag, 19. Februar 10
Der israelische Geheimdienst Mossad, resümiert Hans Leyendecker in der SZ, „soll für das Attentat auf den Hamas-Führer Mamud al-Mabhu am 20. Januar in Dubai verantwortlich sein.“
Vorher/nachher: die Überwachungskamera verzeichnet, wie die Killer auf dem Weg zur Tat sind. Jetzt lebt der Hamas-Mann noch.
Vom Nachher, der tote Mann, gibt es kein Bild einer Überwachungskamera. Das Foto, welches die Zeitungen bringen, scheint überhaupt jenseits der Zeit, in der Ewigkeit zu stehen.
Donnerstag, 18. Februar 10
„13 Tage frei. Eigentlich wollte Norbert Plaul den Resturlaub vom vergangenen Jahr noch gar nicht nehmen. Doch jetzt hat den 49-jährigen Sprecher der Stadt Brandenburg/Havel seine Vergangenheit eingeholt. Plaul war Informant des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Seit Dienstag ist er beurlaubt – auf eigenen Wunsch“, schreiben Karin Bischoff und Andrea Beyerlein in der Berliner Zeitung. „Als IM >Karl< habe er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der DDR-Botschaft in Warschau Berichte über die wirtschaftliche Lage in Polen weitergegeben.“
Mittwoch, 17. Februar 10
„Die sexuelle Revolution ist nach Ansicht des Augsburger Bischofs Walter Mixa ein Grund für den Missbrauch von Minderjährigen“, liest man in der SZ. „>Die sogenannte sexuelle Revolution, in deren Verlauf von besonders progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert wurde, ist daran sicher nicht unschuldig.< In den vergangenen Jahrzehnten habe es gerade in den Medien eine Sexualisierung der Öffentlichkeit gegeben, >die auch abnorme sexuelle Neigungen eher fördert als begrenzt<, erklärte Mixa weiter. Mixa bestritt, dass es einen Zusammenhang zwischen Pädophilie und dem Zölibat gebe.“
Vor ’68, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, ging kein Priester einem Ministranten an die Wäsche.
Dienstag, 16., Februar 10
Zunehmen/abnehmen. „Nachdem Ende Januar die ersten Missbrauchsfälle aus den siebziger und achtziger Jahren am Berliner Canisius-Kolleg bekannt geworden waren, erfasste der Skandal weitere Jesuiten-Gymnasien. Bisher hatte Ursula Raue, die Beauftragte des Ordens für Missbrauchsfälle, von etwa 30 Betroffenen gesprochen, die sich bei ihr gemeldet hätten. In den vergangenen Wochen wurden darüber hinaus ein Dutzend weiterer möglicher Missbrauchsfälle am Bonner Aloisiuskolleg bekannt“, schreibt Oliver Bilger in der SZ. „>Die Zahl möglicher Missbrauchsfälle hat sich auf mehr als 100 deutschlandweit erhöht<, sagt Raue“.
Montag, 15. Februar 10
„Einst gab es hier für jeden Tag eine neue Geschichte. Jetzt herrscht seit dem 14. Januar Schweigen.“
Mittwoch, 13. Januar 10
Zunehmen/abnehmen. „Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland ist im Oktober 2009 erneut deutlich gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahresmonat nahm die Zahl um 15,9 Prozent zu“, zitiert der Tagesspiegel den ddp, der das Statistische Bundesamt zitiert. „Insgesamt seien von den Amtsgerichten 14 180 Insolvenzen gemeldet worden, das seien 6,7 Prozent mehr als im Vorjahresmonat gewesen. Dabei habe sich die Zahl der Verbraucherinsolvenzen um 4,2 Prozent auf 8929 Fälle erhöht. Die voraussichtlichen offenen Forderungen der Gläubiger bezifferten die Gerichte für Oktober auf 3,4 Milliarden Euro gegenüber 3,1 Milliarden Euro im Oktober des Vorjahres.“.
Dienstag, 12. Januar 10
„Am Sonntag hatten die Bürger der Karibik-Insel Martinique und des südamerikanischen Französisch Guyana die Wahl. Beide Gebiete sind bisher Überseedépartements. Se haben die dieselbe Verwaltungsstruktur wie die Départements im Mutterland, die deutschen Regierungsbezirken entsprechen. Nach schweren sozialen Unruhen und wochenlangen Streiks vor einem Jahr bot Präsident Nicolas Sarkozy den Unzufriedenen an, ihr Verhältnis zur Republik neu zu regeln“, berichtet Stefan Ulrich in der SZ. „Die politische Klasse in den beiden Überseedépartements plädierte überwiegend für ein Ja. Die 300 000 Stimmberechtigten auf Martinique und die 70 000 Wahlbürger in Guyana erteilten den Emanzipationsbestrebungen jedoch eine Abfuhr. Sie stimmten am Sonntag mt überwältigender Mehrheit mit Nein und damit für den Status quo.“
Das Jetzt soll sein wie das Einst, wünscht Unten. Während Oben gern ein neues Jetzt hätte.
Montag, 11. Januar 10
„Der großgewachsene Rentner klingt stolz, fast ein bisschen trotzig: >Ich gehe seit 54 Jahren zu Karl und Rosa, immer freiwillig, auch in der DDR.< Er rückt die Schapka zurecht. Die russische Fellmütze gehört neben drei rosa Nelken (das Set zu zwei Euro) zur Grundausstattung vieler, die an der Gedenkstätte für die Sozialisten in Friedrichsfelde an die 1919 ermordeten Sozialisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht erinnern“, schreibt Thomas Rogalla in der Berliner Zeitung. „>Wir<, sagt der Rentner, der seinen Namen nicht nennen will, >wir haben sicher Fehler gemacht, aber es waren nicht Fehler gegen unsere Menschen, sondern es waren Fehler im Wachstumsprozess des Sozialismus.< Deshalb – trotz alledem – trifft er sich hier >mit den vielen Menschen, die damals und auch heute noch ein besseres Deutschland wollen.<“
Das Einst, das abgeschieden ist, im Jetzt erneuern durch Fellmützen, hätte unsere alte Freundin Jutta gespottet, Metonymie.
Sonntag, 10. Januar 10
„War der Berliner Winter nicht in den letzten Jahrzehnten zu einem unerträglichen Gematsche geworden“, fragt im Tagesspiegel Bernd Matthies. „Wenn es hochkam, fiel mal ein wenig Puderzucker auf die Stadt, der sich dann innerhalb weniger Stunden und Tage in einige Endmoränen am Straßenrand verwandelte, gesättigt von Granulat und Streusalz.“
Jetzt ist alles anders. „Vor allem in den Außenbezirken, wo der Schnee dick auch auf den Fahrbahnen verharrt, breitet sich eine geradezu sonntägliche Ruhe aus, wo sonst geschäftiges Türenschlagen und Abfahren herrscht. Nur da und dort stören nutzlos orgelnde Anlasser, weil die Batterie auf den Winter nicht vorbereitet war. Viele Autos fahren gar nicht erst los, obwohl sie könnten, weil sie von festgebackenen Schneemassen rundum eingefriedet sind, weil ihre Besitzer ohnehin lieber die BVG nehmen oder aber gleich zu Hause bleiben.“
So verwandelt der Winter die Stadt an den Rändern in Landschaft, das Hier ins Dort.
Samstag, 9. Januar 10
Das Leipziger Schulmuseum stellt das Einst des Schulunterrichts in der DDR nach.
„In den Schulbänken sitzen 25 Gymnasiasten und knoten unbeholfen ihr blaues Pionierhalstuch“, erzählt Renate Oschlies in der Berliner Zeitung. „Die grauen Sprelacart-Tische stehen in Reih und Glied. Von dem obligatorischen Foto vorn an der Wand sieht Erich Honecker mit leicht zusammengekniffenen Augen hinter seiner Brille auf die Schüler herab. Die Gymnasiasten fremdeln ein bisschen. Die Fenster sind von rotgemusterten Malimo-Gardinen umrahmt. An der Wand lehnt eine Standarte mit blauem Pionierwimpel. In tausenden von DDR-Klassenzimmern sah es in den Siebzigerjahren so aus.“
Freitag, 8. Januar 10
Ein verschobenes Jetzt. „Der von seiner Krebsoperation genesende Linkspartei-Vorsitzende Oskar Lafontaine wird sich nach Einschätzung führender Parteikollegen mehr Zeit für die Bekanntgabe seiner politischen Pläne nehmen als bislang erwartet“, schreibt Susanne Höll in der SZ. „Frühestens Mitte Februar, vielleicht auch erst Anfang März könne man mit einer Entscheidung Lafontaines rechnen, ob er beim Parteitag im Mai abermals für das Spitzenamt kandidiert oder nicht, verlautete am Donnerstag aus diesen Kreisen. Zur Begründung wurden medizinische Gründe genannt. Belastbare Aussagen über seinen Gesundheitszustand könne Lafontaine erst etwa drei Monat nach dem Eingriff machen.“
Donnerstag, 7. Januar 10
„Die Umstellung von der analogen 35-Millimeter-Filmprojektion auf die digitale Vorführtechnik mittels Server, Festplatte und CD bereitet den Berliner Kinos massive Probleme“, schreibt Rolf Lautenschläger in der taz. „>Diese Investitionen dürfen den Kinos nicht allein aufgebürdet werden<, sagt Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kinogruppe und Vorstand der AG Kino Gilde. Für die tiefgreifenden Strukturveränderungen – die manche mit der Umstellung von Stumm- auf Tonfilm vergleichen – sollte ein tragfähiges Förderungskonzept für die regionale Kinolandschaft unter Beteiligung >des Landes Berlin und des Medienboard Berlin-Brandenburg< aufgelegt werden.“
So würde die scharfe Differenz zwischen Einst und Jetzt abgemildert.
Der Connaisseur beäugt den Filmstreifen, als wäre er eine kostbare Handschrift. Ob das Einst des Kinos je so aussah?
Mittwoch, 6. Januar 10
Zunehmen/abnehmen. „Das Land Berlin hat 2009 knapp 1,5 Milliarden Euro neue Schulden gemacht. Das Defizit zum Jahresende fiel mit 1,464 Milliarden Euro aber 167 Millionen Euro kleiner aus als befürchtet“, zitiert die Berliner Zeitung dpa, die den Finanzsenator zitiert. „Wichtigster Grund war, dass das Land 160 Millionen Euro mehr an Steuern eingenommen habe als Senator Ulrich Nussbaum (parteilos) erwartet habe.“
Dienstag, 5. Januar 10
Annette Ramelsberger und Kassian Stroh beschreiben in der SZ den jetzigen Zustand der CSU anhand von Markt Rieden, 2886 Einwohner, und dessen Bürgermeister Gotthard Färber: „>Früher hat man sich auf die CSU verlassen können<, sagt Färber. >Das hat gepasst.< Da war die CSU eine starke Burg, und wenn der Gegner gegen sie anrannte, man sich umso fester zusammen. Man wusste, wo man stand und was man wollte. Heute reagiert der Polizist, der neben Färber sitzt, mit Galgenhumor, wenn er von Kollegen darauf angesprochen wird, warum er noch bei der CSU ist. >Ich sag dann immer, wir sind doch die, die immer alles besser wissen.< Der Polizist zieht ein schiefes Lächeln. Früher war das mit dem Besserwissen ernst gemeint, heute ist es nur noch ein Witz.“
Montag , 4. Januar 10
Da versinkt der ältere Mitbürger, spottet unsere Freundin Jutta, unwillkürlich im Einst der ersten deutschen Republik…
Sonntag, 3. Januar 10
Zunehmen/abnehmen. „Die Zahl der in der Silvesternacht abgefackelten Autos ist in Frankreich im Vergleich zum vergangenen Jahr fast unverändert hoch geblieben“, zitiert der Tagesspiegel dpa. „Nach Polizeiangaben steckten Randalierer in der Nacht zu Freitag 1137 Autos in Brand, vor einem Jahr waren es zehn mehr gewesen. Das Abbrennen von Autos in der Silvesternacht ist in Frankreich seit Jahren eine Art Ritual geworden. Noch am Freitag hatte die Polizei von weniger Fällen gesprochen.“
Samstag, 2. Januar 10
„Wenn heute junge Leute von nebenan plötzlich in den Heiligen Krieg ziehen wollen, führen nicht selten ihre Spuren in den Jemen“, schreibt Hans Leyendecker in der SZ. „Der Bonner Mounir C. etwa, der einst als Sachbearbeiter beim Statistischen Bundesamt tätig war und Rentnerinnen unaufgefordert die Tasche trug, trat im vergangenen Jahr in Werbefilmchen der al-Qaida als Abu Ibraheem auf. Er soll über den Jemen Richtung Front gereist sein.“
Einst Statistisches Bundesamt, jetzt al-Qaida – wieder einmal ist zugleich hier/dort im Spiel, Bundesrepublik/Jemen.
Freitag, 1. Januar 10
Heute in Berlin.
Heute vor 10 Jahren in Binz auf Rügen.
Vor 20 Jahren in Paris.


Leave your Comment
You must be logged in to post a comment.