Hier und dort
Mittwoch, 8. September 10
Wenn Hier und Dort nicht ohne weiteres austauschbar sind, wenn man nur unter Mühen von hier nach dort und von dort nach hier wechseln kann, das Eingesperrtsein, die Gefangenschaft.
„Kaliningrad, das westlichste Gebiet Russlands, ist eine politische Insel“, schreibt Frank Nienhuysen in der SZ. „Umschlossen von der Ostsee und von der Europäischen Union, von Litauen und Polen. Früher konnte Natalja noch per Schnellvisum nach Polen fahren, um dort ihre Ware zu kaufen. Jetzt aber gehört Polen zum Schengenraum der EU, und damit hat sich alles verändert. Sie bekommt das Arbeitsvisum nur auf offizielle Einladung der polnischen Behörden, sagt sie. Das kostet nun Geld und vor allem Zeit, an den Grenzen wird streng kontrolliert. 30 Stunden braucht die Russin für eine Einkaufsfahrt in die polnische Stadt Nadarzyn und wieder zurück. Aber sie darf mit ihrem Halbjahresvisum nur 45-mal hin und herfahren. Also kann sie weniger mitbringen als früher und auch weniger verkaufen.“
Dienstag 7. September 10
Diese Überschwemmung muss unbedingt gebannt werden, erklärt der Anthropologe. Das ist für die Kultur konstitutiv. Scheiße gehört einfach nicht hierher.
„Am Südstrand von Wilhelmshaven weht die rote Fahne. Der Wind treibt die Gischt über die Nordsee, und ein Schwarm Möwen kreist in Ufernähe“, schreibt Inga Rahmsdorf in der SZ. „Wilhelm Schönborn steht auf dem Deich und verteilt Flugblätter. Der 69-Jährige wohnt am Strand, doch er sieht sich das Meer nur vom Ufer aus an. Denn wer in Wilhelmshaven badet, muss nicht nur Sturm, Strömungen und Gezeiten trotzen. Die rote Fahne wird auch gehisst, wenn die Stadt ihre ungeklärten Abwässer in die Nordsee pumpt – direkt neben dem Badestrand.“
Ein Kulturheros, bemerkt der Anthropologe.
Montag, 6. September 10
Das Territorialproblem präsentiert in schöner Klarheit die sog. Brücke der Imame in Bagdad.
„Im Westen führt die Brücke in den Stadtteil Khadimija, wo die Schiiten um das gleichnamige Heiligtum ihr religiöses Revival und ihren Aufstieg an die Schalthebel der Macht zelebrieren“, schreibt Inga Rogg in der taz. „Im Osten führt sie ins historische Adhimija, wo die Sunniten an ihrem wichtigsten Heiligtum versuchen, im religiösen Wettstreit mit den Schiiten mitzuhalten und damit hadern, dass sie den Krieg vorerst verloren haben. Dazwischen fließt graubraun der Tigris, aus dem die Polizei während der Hochphase des Religionskriegs täglich Dutzende von Leichen fischte.“
Was hier, was dort ist, hängt also davon ab, ob du Sunnit oder Schiit bist. Erst wenn du tot im Tigris schwimmst, fällt der Unterschied weg.
Sonntag, 5. September 10
„Im Holzhäuschen am Eingang sitzt die Kassiererin: eine junge Japanerin mit viel, viel Lidschatten und >Standard<-Uniform, einem weißen T-Shirt und aufgedruckter Dirndl-Brust, dazu ein kurzes Röckchen, Kniestrümpfe und hochhackige Schuhe. Bei ihr kann man sich gelbe Coupons für acht Dollar kaufen, aber wer sich damit ein Budweiser bestellt, outet sich gleich als Banause. Im >Standard< ordert man nämliche Ayinger Weiße, Köstritzer Schwarz oder Bitburger Pils und dazu Weißwurst, Sauerkraut und Brezel“, schreibt Sacha Verna im Tagesspiegel. „Neben ausländischen Bier erfreut sich einheimisches Gebräu nie dagewesenen Zuspruchs. Brooklyn hat sich zu einem wahren Mekka für Freunde feiner Hopfen-Tropfen entwickelt. Neu gegründete Kleinbrauereien wie Greenpoint Beerworks oder Six Point Craft Ales stellen hier nach traditionellen Methoden Spezialbiere her. Zu Verkostungstouren durch die Betriebe und Schänken finden sich regelmäßig Dutzende von Enthusiasten ein.“
Ich würde dort regelmäßig fehlen, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, schon hier kam mir ja keiner von diesen Hopfen-Tropfen, hahaha, in die Kehle.
Samstag, 4. September 10
„Zwei Kängurus namens Klärchen und Bruno nutzten am Freitagmorgen die Gunst der Stunde und hoppelten ohne Wissen ihres Halters durch das geöffnete Tor ihres 700 Quadratmeter großen Freigeheges in Neuengamme“, schreibt dfe im Hamburger Abendblatt.
„Während Bruno seinen Ausflug in die Vierlande bereits kurz nach 6 Uhr beenden musste, wurde Klärchen erst zwei Stunden später entdeckt und zu ihrem erleichterten Besitzer Christian C. zurückgebracht.“
Für eine Zeit verwandelte sich Neuengamme (hier) in Australien (dort).
Freitag, 3. September 10
Die nächste Überschwemmung (des Hier durch das Dort): „Zwei Tage vor den befürchteten Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und >erlebnisorientierten Jugendlichen< am Schulterblatt kursieren Flugblätter in der Hansestadt, gerichtet an >Bambule Fans<, in denen >Tipps für den gepflegten Krawall< am Sonnabendabend gegeben werden“, schreibt Denis Fengler im Hamburger Abendblatt. „Als mögliche Ziele von Attacken werden dort unter anderem Supermärkte, Drogerien, Hotels, Justizgebäude und >Autos, die über 50 000 Euro kosten<, benannt, aber auch die Polizeiwache 16 an der Lerchenstraße, die bereits im Dezember vergangenen Jahres Ziel eines Angriffs war.“
Versteht sich, dass die erlebnisorientierten Jugendlichen die Vorzeichen Hier und Dort in puncto Polizeiwache 16 usw. genau umgekehrt verteilen würden.
Donnerstag, 2. September 10
In der postsowjetischen Republik Moldau wachsen viele Kinder ohne ihre Eltern auf. „Die 14-jährige Cristina weiß nichts über ihren Vater, die Mutter lebt seit zehn Jahren in Portugal und hat sie in dieser Zeit nur einmal bei den Großeltern besucht“, schreibt Klaus Brill in der SZ. „>Natürlich vermisse ich meine Mutter sehr<, sagt sie. Alle sagen es, auch wenn sie wie die 17-jährige Valeria jeden Abend über Telefon und Skype mit Mama, die seit drei Jahren in Spanien in einer Familie arbeitet, Kontakt haben. Valeria lebt mit dem Vater und den jüngeren Geschwistern im elterlichen Heim, sie besorgt den Haushalt. Der 14-jährige Iurie – der Vater ist seit vier Jahren Lkw-Fahrer in Russland und kommt nur zu Weihnachten heim – ist für die Mutter und die jüngeren Brüder >der Mann in der Familie<. Er repariert, schleppt Sachen, hilft im Stall und Garten, viel Freizeit hat er nicht. Adriana, 13, sieht ihre Mutter, die als Friseurin in Zypern lebt, nur ein Mal im Jahr.“
Wieder erkennt man Struktur: für die Kinder ist Moldau hier, Vater und/oder Mutter arbeiten im Ausland, also dort. Bei Vater und/oder Mutter verhält es sich genau umgekehrt. Doch findet sich im Lebensgefühl von Kindern wie Eltern gewiss Trennungs- und Abwesenheitsschmerz, die ihnen das eigene Hier als ein flaues Dort erscheinen lassen.
Mittwoch, 1. September 10
„Die Wohnungsbaugesellschaft Howoge, der die meisten Plattenbauten in Hohenschönhausen gehören“, schreibt Claudia Fuchs in der Berliner Zeitung, „hat vor zwei Jahren zwei Trennungswohnungen eingerichtet – eine Ein- und eine Dreizimmerwohnung. Beide sind möbliert und bieten scheidungswilligen Mietern für die Dauer von drei Monaten eine vorübergehende Bleibe. Das Angebot wurde bereits mehrfach angenommen, heißt es.“
Eine hübsche Gelegenheit, herauszustellen, dass es bei hier/dort natürlich um Struktur, nicht um Substanz geht: Bezieht Ego die Trennungswohnung, bildet sie zweifellos das Hier, die eheliche Wohnung hingegen das Dort. Verlässt Alter die eheliche zugunsten der Trennungswohnung, ist es genau umgekehrt.
Dienstag, 31. August 10
„Die SPD will das umstrittene Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin aus der Partei ausschließen“, liest man in der taz. „Der SPD-Vorstand entschied am Montag einstimmig, ein Ausschlussverfahren gegen den früheren Berliner Finanzsenator in Gang zu setzen. >Für uns ist das keine einfache Entscheidung gewesen<, sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel nach der Sitzung. Sarrazin habe viel für die SPD geleistet, nun aber sei eine >rote Linie< überschritten“
Das Territorialproblem: der Mann soll hier weg (und dort verschwinden) – wobei es ihm paradoxerweise – wie den FN Mitte – um die Reinerhaltung und Stärkung des Hier geht („Ausländer raus“).
Montag, 30. August 10
Der Kampf um das Territorium: von dort möchte eine Fraktion hier eindringen, was hier missfällt, die „Freien Nationalisten Berlin-Mitte“. „Zu Jahresbeginn habe sich die Gruppe im Wedding gegründet, heißt es aus der Innenverwaltung“, schreibt Konrad Litschko im Berlinteil der taz. „Rund 15 Mitglieder seien ihr zuzurechnen, >bei hoher Fluktuation< allerdings. Überwiegend männlich, überwiegend jung. Ihre Auftritte pflegt die >FN Mitte< im schwarz gekleideten Style der gewaltbereiten Autonomen Nationalisten. Im Internet prahlt sie mit Bildern von nächtlichen Spray-Aktionen: >NS jetzt<-Parolen an Wänden alternativer Hausprojekte, an Parteizentralen, migrantischen Kulturvereinen und Moscheen. Auf ihrer Homepage hetzt die >FN Mitte< gegen >Überfremdung< und >Rotfaschisten<.“
Kurios, dass die Eindringlinge von dort sich als besonders leidenschaftliche Verteidiger des Hier und seiner einheimischen Sitten präsentieren.
Sonntag, 29. August 10
„Wenn man mit Tankred Stöbe telefoniert, klingt das, als sei er im Zimmer nebenan. Doch der 41-Jährige aus Charlottenburg spricht in Kot-Addu ins Handy, die Kleinstadt in der Region Punjab ist eine Tagesreise von Islamabad entfernt. Noch bis Mitte September ist der Berliner Mediziner und Präsident von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, der sonst als Notarzt im Spandauer Krankenhaus Havelhöhe arbeitet, im Fluthilfeeinsatz in Pakistan. Er behandelt dort hunderte Menschen mit Choleraverdacht“, schreibt Annette Kögel im Tagesspiegel. „>Die Arbeit hier ist so erfüllend<, sagt Tankred Stöbe, >das erdet mich wieder. Man kann hier mit so wenig so viel erreichen.< Stöbe hat das bereits bei Ärzte-ohne-Grenzen-Einsätzen in Pakistan im vergangenen Jahr sowie nach dem Tsunami gespürt – Kot-Addu ist sein achter internationaler Einsatz.“
Unter den Katastrophenopfern dort, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, fühlt sich der Arzt viel glücklicher als hier im Kreis seiner Lieben.
Samstag, 28. August 10
„Klagen von Anwohnern wegen Lärmbelästigung wird es bald nicht mehr geben“, schreibt Sebastian Höhne in der Berliner Zeitung. „Dafür sorgt meterdicker Stahlbeton. Denn das künftige Domizil des Lichtenberger Bernhard-Bästlein-Clubs hat eine Lage, von der andere Jugendclubs nur träumen können: Er befindet sich in einem nicht mehr genutzten Fußgängertunnel, der früher als Verbindung zwischen den Neubaugebieten an der Kreuzung Weißenseer Weg/Herzbergstraße diente. Nur noch drei verfallene Eingänge sind zu sehen vom >Tunnel des Grauens<, wie das 80 Meter lange Bauwerk genannt wurde. Seit mehr als einem Jahrzehnt war es verwaist.“
Das ist natürlich praktisch, hätte unsere Freundin Jutta gespottet: Man sperrt das jugendliche Triebgeschehen dort unten in den Bunker, so dass die Bürger hier oben ihre Ruhe haben.
Freitag, 27. August 10
Bei Harburg Kontrollen an der Autobahn 7. „>Mit den gemeinsamen Schwerlastkontrollen stimmen wir unsere Arbeit miteinander ab<, erklärt Jaanus Tents, Chief Constable bei der estnischen Verkehrspolizei, in leicht gebrochenem Englisch am Heck des slowakischen Sattelschleppers, während der Fahrer die Plane seines Anhängers aufrollt“, schreibt Denis Fengler im Hamburger Abendblatt. „Zwei Kollegen hat Tents, 30, aus der estnischen Hauptstadt Talinn mitgebracht. In Deutschland trafen sie neben den hiesigen Ordnungshütern auf Polizisten aus Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen. Zehn Männer in ausländischen Uniformen insgesamt, die gestern an der A 7 Fahrtenschreiber auslasen, Anhängergewichte maßen und Ladungen prüften. Es ist ihre erste Zusammenarbeit, weitere Kontrollen in anderen Staaten sollen folgen.“
Da kann man nur hoffen, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, dass die Jungs aus Dänemark, Restland usw. sich am Feierabend hier in Hamburg nicht wie Barbaren aufführen – wie neulich die Polizisten aus Sachsen-Anhalt.
Donnerstag, 26. August 10
„Den Schulstart ihrer Tochter an der Stadtteilschule Bergstedt hatte sich Gundula Brähler-Goerke so vorgestellt: Trixi würde in einem modernen, lichtdurchfluteten Gebäude lernen. In der offenen Mensa würde das Mädchen mittags gemeinsam mit ihren Freundinnen essen können, um anschließend gestärkt und entspannt wieder in den Unterricht zu gehen“, schreibt Claudia Eicke-Diekmann im Hamburger Abendblatt. Das kommt davon, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, wenn man sich die Einschulung des Kindes nicht als Exilierung von zu Hause vorstellt, Vertreibung ins Dort.
„>Die erste böse Überraschung kam dann am Elternabend drei Tage vor Schulbeginn<, sagt Gundula Brähler-Goerke. >Da hieß es, dass Fünf- und Sechstklässler in die Container einziehen.<“
„Jene Klassencontainer stehen fernab des Schulgebäudes auf dem Gelände der benachbarten Grundschule – und das werden sie noch mindestens zwei Jahre lang.“
Mittwoch, 25. August 10
„British Day in Hamburg bedeutet: zwei Tage Volksfest auf dem Gelände des Polo Clubs an der Jenischstraße 26“, schreibt Hanna Kastendieck im Hamburger Abendblatt. „Da gibt es Hütehunde-Vorführungen, Jack-Russell-Rennen, Reitauftritte im Damensattel, Golf, Cricket, Polo, Rugby und schottische Hochlandspiele. Es gibt Jazz-Kabarett und das Londoner Straßentheater >The Grand Theatre of Lemmings<. Zwischen Oldtimern, Antiquitäten, britischer Garderobe und Guinness weht nicht nur ein Hauch, sondern ein ganzer Sturm britischen Lifestyles über das Gelände in Klein Flottbek.“
Aber Hamburg, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, ist doch immer und überall englandverrückt, Great Britain is here – warum da so angestrengt für ein Wochenende das Vereinigte Königreich in einem kleinen Teil von Klein Flottbek nachstellen?
Dienstag, 24, August 10
„Mehr als zwei Wochen nach dem Einsturz einer Gold- und Kupfermine in Chile sind alle 33 verschütteten Bergarbeiter noch am Leben“, kommentiert die SZ das Foto. „Über eine herabgelassene Sonde schickten sie jetzt zwei Briefe als Lebenszeichen an die Außenwelt. Zudem zeigte eine Kamera Bilder von den Bergleuten, die in 700 Metern Tiefe in einem Schutzraum sitzen. Chiles Präsident (rechts) reiste an den Unglücksort, um die Rettungsarbeiten zu überwachen. Die Verschütteten müssen nun zunächst notdürftig versorgt werden, die Befreiung kann noch Wochen dauern.“
Wieder einmal ward die Grenze zwischen Hier und Dort, die zunächst absolut schien, überwunden.
Montag, 23. August 10
„In Brandenburg vermehrt sich das Wild inzwischen so rapide, dass die Jäger im Land Mühe haben, das Wachstum der Bestände etwa bei Wildschweinen oder Waschbären wenigstens einigermaßen einzudämmen“, referiert Thorsten Metzner im Tagesspiegel den offiziellen Jagdbericht des Landes. „>Beim Schwarzwild etwa, das besonders große Schäden verursacht, kommen wir kaum hinterher<, sagt Jan Engel, Sprecher des verantwortlichen Landesbetriebs Forst in Eberswalde, der selbst Jäger ist. Obwohl so viel erlegt wird wie wohl nie seit Kriegsende, nehmen die Bestände nach seinen Angaben weiter zu.“
Sukzessive verwandelt das Wild Brandenburg vom Hier ins Dort. In absehbarer Zukunft, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, bilden Wildschweine, Waschbären und ihresgleichen in Brandenburg die Mehrheit und vertreiben die Humanbevölkerung – so wie Norwegen die Königskrabben und Frankreich die Zigeuner.
Sonntag, 22. August 10
Ältere Zeitungsleser kennen diese Insel in der Adria unter dem Namen Brioni. Dort besaß der jugoslawische König Tito einen Sommerpalast und empfing seinesgleichen, ebenso Filmstars wie Sophia Loren und Richard Burton – für den Zeitungsleser ein unerreichbares Dort.
Heute führt die Insel ihren kroatischen Namen und kann durch touristisches Besichtigen kurzfristig in ein Hier verwandelt werden. „Für umgerechnet 30 Euro setzt ein Tagestourist mit der Fähre vom Fischerdörfchen Fazana aus nach Veli Brijun über“, schreibt Gerald Penzl im Tagesspiegel, „steigt dort in ein elektrisches Bimmelbähnchen und rumpelt die Besiedlungsgeschichte der 5,6 Quadratkilometer großen Insel ab. Dabei gibt es viel zu entdecken. Das Panoptikum reicht von dekorativen Römerruinen und byzantinischen Festungsmauern über mediterrane Bilderbuchnatur, schaurig-schöne, 150 Millionen Jahre alte Dinosaurierfußstapfen und ein gotisches Kirchlein bis zu Titos Privatzoo und Safaripark.“
Das klingt nach Herablassung, hätte unsere Freundin Jutta gespottet. Vom unerreichbaren Königspalast dort (der zugleich das Einst verkörpert) zur touristischen Sehenswürdigkeit jetzt und hier – das ist ein Absturz. So gehörte diese Geschichte zugleich in das Oben/unten-Kapitel.
Samstag, 21. August 10
Es entsteht ein Schauspiel voller Schönheit, wenn die Überschwemmung (des Hier durch das Dort) aufgehalten, umgeleitet, kunstvoll verzögert wird. „Die Elbe bei Lenzen im nordwestlichen Brandenburger Zipfel fließt derzeiten so breit wie seit Jahrhunderten nicht mehr“, schreibt Claus-Dieter Steyer im Tagesspiegel. „Doch es schrillen keine Alarmglocken, nirgends werden Sandsäcke gefüllt oder gar Evakuierungen vorbereitet. Stattdessen verfolgen Anwohner, Touristen und Fachleute für Naturschutz und Wasserbau das Spektakel voller Neugierde. Sie stehen am >Bösen Ort< am Ende eines Deiches und blicken fasziniert auf das ins Hinterland fließende Wasser. Dort wird es erst nach 1,3 Kilometern an einem neuen Damm aufgehalten. >Gebt den Flüssen mehr Raum<, heißt es überall im Land nach einem Hochwasser. Am >Bösen Ort< hat man die Forderung in die Tat umgesetzt.“
Freitag, 20. August 10
„Jonathan Lee (l.), der hier mit einer nordkoreanischen Soldatin posiert, ist 13 Jahre alt und lebt in Ridgeland im US-Bundesstaat Mississippi. Er träumt davon, einen Kinder-Friedenswald in der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea anzulegen, in dem sich Kinder aus beiden Ländern treffen können“, lesen wir in der Berliner Zeitung. „Die Idee kam ihm, als er in der Schule den Koreakonflikt durchnahm. Jetzt durfte er tatsächlich mit seinen Eltern eine Woche lang nach Nordkorea reisen – eine seltene Erfahrung für US-Amerikaner. Jonathan traf sogar mit Offizieren zusammen, die sehr an seiner Idee des Kinderwaldes interessiert gewesen seien, wie er gestern Reportern in Peking erzählte. Sie hätten ihm aber erklärt, es müsse erst ein Friedensabkommen zwischen den USA und Nordkorea unterzeichnet werden.“
Der Junge in Blau verkörpert das Hier, das Mädchen in Oliv das Dort. Dass sie jetzt und hier praktisch zusammen erscheinen, soll als Wunder gelten.
Donnerstag, 19. August 10
„Ein einstmals blauer, jetzt rostiger Rahmen ohne Räder, Klingel und Licht, angekettet an einem Verkehrsschild. Daneben ein einzelnes Laufrad, gesichert mit einem schweren Fahrradschloss: Ein Bild wie an der U-Bahn-Station Tierpark bietet sich an vielen Ecken in Berlin“, schreibt Florian Thalmann im Berlinteil der taz. „Fahrräder werden abgestellt, mit Schlössern an Laternenmasten oder Zäunen angebunden – und nie wieder abgeholt. >Schwer nachzuvollziehen<, findet das Arvid Krenz, der Fahrradbeauftragte des Senats. Über die Herkunft könne man nur mutmaßen. Diebstahl sei nicht ausgeschlossen. >Es ist sehr wahrscheinlich, dass viele dieser Räder irgendwo entwendet und später abgestellt wurden<, sagt Krenz.“
Selbst wenn sie hier vor unseren Augen sich befinden, haftet ihnen ein uneinholbares Dort an.
Mittwoch, 18. August 10
„Seit drei Wochen gilt in Bayern das strengste Rauchverbot der Republik. Seit drei Wochen geht Sebastian Frankenberger nicht mehr aus. Der 28-jährige ÖDP-Politiker hat das Rauchverbot durchgesetzt, indem er ein Volksbegehren initiierte. Jetzt wird er bekämpft“, schreibt Katja Auer in der SZ. „Im niederbayerischen Waldkirchen ist er aus dem Festzelt geworfen worden, unter dem Jubel der Bedienungen. In Deggendorf ist er erst gar nicht hineingekommen, der Sicherheitsdienst stoppte ihn. Provokation wird ihm vorgeworfen, weil er überhaupt auftaucht, zumal Sebastian Frankenberger mit einer penetrant guten Laune ausgestattet ist.“
„>Ich wollte sehen, ob es läuft<, sagt er. Und fühlt sich gleich bestätigt. >Alle sind zum Rauchen rausgegangen.<“
Wer gewisse Teile Bayerns für Raucher in ein Dort verwandelt, den verbannt man in Bayern selber ins Dort.
Dienstag, 17. August 10
Die nächste Überschwemmung des Hier durch das Dort findet wieder mal in der Zukunft, im Jetzt, das erst noch kommt, statt: Mikroben mit dem Gen NDM 1, die gegen Antibiotika resistent sind. „Es handelt sich vor allem um sogenannte Enterobakterien, die den Darm besiedeln“, referiert Lilo Berg in der Berliner Zeitung. „In der Bevölkerung verbreiten sie sich etwa über öffentliche Toiletten, vor allem dann, wenn die Hygiene zu wünschen übrig lässt. Auch über das Abwasser dringen die Mikroben rasch in neue Gebiete vor. Im Krankenhaus gelangen sie etwa durch infizierte Geräte und Hände oder über den Kontakt mit infizierten Wunden von Patient zu Patient.“ Und wenn die neuen Mikroben ausgerechnet die Festung des Krankenhauses erobern, dann wäre das natürlich der höchste Triumph dieser Überschwemmung.
Montag, 16. August 10
„>Keiner von uns unterstützt die Praktiken der Taliban, aber wenn sie uns jetzt unter die Arme greifen, sind wir dankbar dafür<“, unterschreibt die SZ das Foto, „Bewohner des Dorfes Khandarh warten wie 20 Millionen andere auf Hilfe.“
So beseitigt die Überschwemmung auch den Unterschied zwischen der pakistanischen Zivilbevölkerung (hier) und den Taliban (dort).
Sonntag, 15. August 10
Die jüngste Überschwemmung des Hier durch das Dort. „Plötzlich kommen die Touristen. Vor einem halben Jahr ging es los. Der Dönermann blies Luftballons auf, rüstete zum Spätkauf hoch und hängte Banner raus: >Alcoholic beverages 30 % cheaper<. Der Zeitungsmann holte die Berliner Boulevardblätter rein und stopfte >El País<, >Libération<, >Corriere della sera< und >International Herald Tribune< in den Ständer. Um die Ecke wuchs über Nacht ein Geldautomat aus der Wand. Und ein trendiger Burgerladen öffnete mit Verkehrssprache Englisch an drei von vier Tischen: Die Welt hat die Pannierstraße in Neukölln entdeckt.“ So Gunda Bartels im Tagesspiegel.
Samstag, 14. August 10
„Wenn Jean-Marc Thirion auf die >île mystérieuse< zu sprechen kommt, die >geheimnisvolle Insel<, dann gerät er ins Schwärmen. Einmalig sei sie – ein >völlig jungfräuliches< Eiland, auf dem die Wissenschaftler nun hervorragend beobachten könnten, wie sich ein Ökosystem entwickle“, schreibt Stefan Ulrich in der SZ. „Er und seine Kollegen von der Naturschutzorganisation >Objectifs Biodiversités< fahren immer wieder auf das >extrem interessante< Neuland vor der französischen Atlantikküste nordwestlich von Bordeaux hinüber.“
„Sie prüfen, woher die Sandkörner stammen. Und sie untersuchen all die kleinen Pioniere, die sich auf diesem bei Flut etwa 3,5 Hektar großen Sandhaufen niederlassen wollen: Strandgräser, Winden, Kleinkrebse, Käfer, Spinnen.“
So selten erscheint urplötzlich im Hier ein neues Dort.
Freitag, 13. August 10
„In dieser gepachteten Tiroler Berghütte ohne Strom, dem Ried-Hof, versucht Linken-Chef Klaus Ernst der >furchtbaren Scheinwelt< der Politik zu entkommen“, kommentiert die SZ das Foto.
„Schon als junger Gewerkschafter fuhr er an Wochenenden mit Freunden zum Ausspannen und Feiern hierher, inzwischen kommt er aber nur noch selten dazu – die Politik lässt ihm wenig Zeit. Zuletzt hat er einer Parteisprecherin zufolge >pausenlos Termine<.“
Eine ulkige Idee für einen Politiker, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, dass eine Tiroler Berghütte das Hier der wirklichsten Wirklichkeit bietet, während er ins Dort der scheinhaften Hauptstadt gebannt bleibt.
Donnerstag, 12. August 10
Ein vier Meter hohes Holzkreuz vor dem Präsidentenpalast in Warschau. „Das Kreuz, das Pfadfinder nach dem Flugzeugunglück von Smolensk aufstellten, ist zu einem >Widerstandssymbol< der Anhänger des verstorbenen Präsidenten Lech Kaczynski geworden“, schreibt Jens Mattern in der Berliner Zeitung. „In einem Kompromiss mit zwei Pfadfinder-Organisationen und der Kurie Warschau war vereinbart worden, das Kreuz in die nahe gelegene Heilige-Anna-Kirche zu verlegen, mittels einer feierlichen Prozession. Doch Jaroslaw Kaczynski, der Bruder des verstorbenen Präsidenten, und seine Anhänger legten Protest ein. Das Kreuz müsse so lange stehen bleiben, bis vor dem Präsidentenpalast ein Gedächtnis-Monument für die 96 Toten des Flugzeugabsturzes errichtet sei.“
Komplizierte Verhältnisse zwischen hier und dort, sinniert der Anthropologe. Im Hier repräsentiert das Kreuz den Präsidenten, der unwiderruflich dort, nämlich tot ist. Für das ungeminderte Hier des toten Präsidenten treten kämpferisch dessen Zwillingsbruder und seine Anhänger ein, wobei man Lech und Jaroslaw schon mal verwechseln darf. Jedenfalls hat dieser die Präsidentenwahl gegen Bronislaw Komorowski verloren. Er konnte das Hier seines Zwillingsbruders im Präsidentenpalast nicht durch das seine ersetzen. Das soll jetzt dem Holzkreuz vor dem Palast gelingen.
Mittwoch, 11. August 10
Hier in Wietze bei Celle soll k/ein großer Hähnchenschlachthof entstehen.
„Gestern hat die Polizei mit einem Großaufgebot das vorgesehene Baugelände geräumt. Dort hatten seit Monaten meist jugendliche Demonstranten campiert, um das Großprojekt zu verhindern“, schreibt fert im Hamburger Abendblatt. „Die Unternehmensgruppe Rohkötter will 60 Millionen Euro investieren, rund 150 Bauer sollten die Tiere im Umkreis züchten. Der Wietzer Gemeinderat hatte mit Blick auf Arbeitsplätze und Steuereinnahmen dem Projekt zugestimmt, dagegen protestieren die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und das >Netzwerk Bauernhöfe statt Agrarfabriken< sowie Initiativen von Anwohnern.“
Der Hühnerschlachthof würde das Hier von Wietze in ein unerträgliches Dort verwandeln. Damit das Hier bleibt, wie es ist, besetzten es die Demonstranten, die jetzt daraus vertrieben wurden.
Dienstag, 10. August 10
Der Hamburger Innensenator lässt die Taiba-Moschee am Steindamm schließen und verbietet den Trägerverein. „Nach den Anschlägen vom 11. September war die Moschee weltweit bekannt geworden“, schreiben Sascha Balasko, Denis Fengler und Volker ter Haseborg im Hamburger Abendblatt. „Regelmäßig hatten sich dort die Attentäter der Hamburger Terrorzelle um Todespilot Mohammed Atta getroffen. Zuletzt war die Taiba-Moschee ins Gerede gekommen, als bekannt wurde, dass sich zehn Männer aus ihrem Umfeld 2009 auf den Weg in ein Terrorcamp im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet gemacht hatten.“
„Gestern früh um 6.15 Uhr brachen Polizisten die Tür der Moschee auf. Sie stellten Computer und Akten sicher. Kurz darauf erschienen Beamte bei der Bank des Vereins, um dessen Konten zu beschlagnahmen. Andere Polizisten durchsuchten die Wohnungen dreier Vorstandsmitglieder in der Sternschanze, in Billstedt und Lokstedt. Eine weitere Razzia fand in der Wohnung von Mamoun Darkanzanli auf der Uhlenhorst statt. Der Deutsch-Syrer leitete die Freitagsgebete in der Moschee. Er kannte die Attentäter von 2001 und gilt als Kontaktmann zur Terror-Organisation Al Qaida.“
So wäre hier die Gefahr einer neuerlichen Überschwemmung des Hier durch das Dort gebannt.
Montag, 9. August 10
„>Das Wasser kam extrem schnell<, sagt Michael Birkner, der Landesleiter der sächsischen Wasserwacht“, schreiben Christine Kohl und Klaus Brill in der SZ. „Umso schwerer fiel es den Helfern, die Menschen vor den Fluten zu retten. Vor allem im Raum Görlitz, Bautzen und Zittau waren die Pegel in kürzester Zeit angeschwollen, reißende Flüsse durchzogen die Innenstädte. Bald standen mehrere Altstadthäuser in Göritz unter Wasser, mehr als 1400 Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden. In Bautzen wie auch in Ostritz an der Neiße stürzten zwei von den Fluten umspülte, leer stehende Häuser einfach in sich zusammen; in Zittau wurde ein ganzes Wohngebiet vom Wasser eingeschlossen Vielerorts kamen Erinnerungen an die Flutkatastrophe vom August 2002 auf, bei der in ganz Sachsen Millionenschäden angerichtet wurden. Was Görlitz betrifft, sprachen Experten gar vom schlimmsten Hochwasser seit mehr als 100 Jahren.“
Überschwemmung, sinniert der Anthropologe, Überschwemmung ist das Originalvorbild für alle katastrophischen Einbrüche des Dort ins Hier.
Samstag, 7. August 10
Das Originalvorbild für Amflora, Königskrabben, Sexualstraftäter und ihresgleichen, wenn es um die Vertreibung von hier nach dort geht: „Drei Wochen nach Ausschreitungen von Landfahrern gegen die Polizei hat Frankreich eine erste ungenehmigte Siedlung von Roma aufgelöst. Einsatzkräfte räumten gestern früh den Platz in Saint-Etienne in der Nähe von Lyon, nachdem rund hundert Roma aus Rumänien sich dort im Mai niedergelassen hatten“, zitiert die taz afp, die eine Unterstützergruppe referiert. „Frankreichs Staatschef Sarkozy hatte vor zehn Tagen angekündigt, dass die Polizei in den kommenden drei Monaten rund dreihundert solcher Siedlungen von Roma und Landfahrern auflösen werde.“
Freitag, 6. August 10
„>Wir haben unser Verhalten geändert wegen unseres neuen Nachbarn<, schimpft Palin. >Wir meiden bestimmte Ecken im Haus, und wir meiden den Vorgarten<“, schreibt Christian Wernicke in der SZ. „Der ungebetene Gast >verletzt unsere Privatsphäre, er beeinträchtigt unsere Freiheit und unsere Freude.<
Ein 67-jähriger Autor namens Joe McGinniss bewohnt neuerdings in Wasilla, Alaska, das Haus neben dem von Sarah und Todd Palin. Recherche: „Er will ein dickes, mutmaßlich sehr ungnädiges Buch über die Republikanerin schreiben. Vorläufiger Arbeitstitel, grob übersetzt: >Ein gefährliches Jahr im Leben der Sarah Palin<.“
Er verkörpert ein Dort, das dem Hier des Palin-Lebens bedrohlich auf den Leib rückt.
Donnerstag, 5. August 10
Einst war der Unterschied zwischen Hier und Dort substanziell, nur unter Lebensgefahr zu überwinden: „Im September 1962 gelingt mehreren Ostberlinern die Flucht in den Westteil der Stadt. Auf allen vieren krochen die 29 Frauen, Männer und Kinder durch einen 135 Meter langen Tunnel, der von einem Keller in der Schönholzer Straße unter der Mauer hindurch zu einem auf der Westseite gelegenen Fabrikgelände an der Bernauer Straße führte.“ So Ricardo Tarli in der Berliner Zeitung.
Jetzt ist dieser Unterschied zwischen Hier und Dort bekanntlich verschwunden. Aber man könne ihn an dieser Stelle zur Erinnerung markieren und den damaligen Tunnel zu einer Sehenswürdigkeit ausbauen.
Mittwoch, 4. August 10
„Norwegens Naturbewahrer schlagen Alarm“, schreibt Hannes Gamillscheg in der Berliner Zeitung. „Von Norden her arbeiten sich die riesigen Königskrabben die Küste entlang gegen Süden und fressen den Meeresboden kahl. Und jetzt droht von Süden her die Invasion der Wildschweine mit ähnlich drastischen Folgen. Vier Jahre ist es erst her, dass das erste Wildschwein seit grauer Vorzeit in freier Wildbahn erlegt wurde. Jetzt werden häufiger ganze Rudel mit 50 bis 100 Tieren in den Grenzgebieten zu Schweden gesichtet. Für Norwegens Wildverwaltung ist das Borstentier wie die Riesenkrabbe eine unerwünschte Art. >Wir wollen hier keine Wildschweine haben<, sagt Mark Finne von der Regierungsbehörde in Aremark.“
So wird die Liste, wer oder was besser im Dort verbliebe, immer vielgestaltiger: Königskrabben, Wildschweine, entlassene Sexualstraftäter, Kartoffeln der Sorte Amflora usw. usw.
Dienstag, 3. August 10
„Das Unesco-Welterbekomitee hat das sogenannte Oberharzer Wasserregal einstimmig in die Liste des Kultur- und Naturerbes aufgenommen“, berichtet Frank Heine im Tagesspiegel.
„Das Oberharzer Wasserregal schufen Bergleute in der Zeit vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, um damit Wasserräder und -pumpen anzutreiben. Im heute niedersächsischen Teil des Oberharzes legten die Bergleute insgesamt rund 150 Teiche, 500 Kilometer Gräben sowie 160 Kilometer unterirdische Wasserläufe an. Noch heute sind mehr als 100 Teiche erhalten. Auf diese Weise wurde das Wasser zu den Verbrauchern hin- und später wieder abgeleitet. Von den 31 Kilometern wie Tunnel durch die Berge getriebenen Wasserläufen sind alle erhalten und viele davon auch für Besucher erschlossen.“
Ernennt die Unesco ein Terrain zum Weltkultur- oder -naturerbe, erläutert der Anthropologe, sprengt sie das Ding aus dem Kontinuum der Geschichte heraus und verlegt es in ein ideales Dort, das zugleich ein ideales Einst ist („damals, als die Bergleute des 16. Jahrhunderts…“) – ein heller, strahlend schöner, unveränderlicher Ort. Ganz anders als das Dort, wohin der alte Mann in Arrou verbannt wurde oder der Sexualstraftäter Hans-Peter W. von Rechtswegen gehört.
Montag, 2. August 10
„Eine 45-jährige Französin soll ihren 80-jährigen Ehemann ein Jahr lang in einer dunklen Wäschekammer eingesperrt haben. Die Frau aus Arrou in Zentralfrankreich sei am Samstag in Untersuchungshaft gekommen“, zitiert die SZ dpa (siehe auch focus.de), die den Polizeibericht referiert. „Sie steht im Verdacht, ihren Mann gemeinsam mit einem Sohn aus einer früheren Beziehung und ihrem mutmaßlichen Liebhaber misshandelt zu haben. Der alte Mann hatte vorwiegend verdorbene Lebensmittel zu essen bekommen. Er sei während seiner Gefangenschaft vollständig erblindet. Der Fall war bekannt geworden, weil eines der Kinder der Frau von einem stinkenden alten Mann im Hause berichtete, der immer Essen haben wollte.“
Statt sich darauf vorzubereiten, spottet unsere Freundin B., dass es ihn bald in ein ewiges Dort verschlägt, den Tod, wollte sich der alte Mann mittels einer Jahrzehnte jüngeren Frau ein paradiesisches neues Hier verschaffen. Das hat er nun davon!
Sonntag, 1. August 10
„Die Hamburger Justizbehörde soll umgehend ein Konzept für den Umgang mit Straftätern erarbeiten, die aus der Sicherungsverwahrung entlassen wurden. Das fordert die Deutsche Polizeigewerkschaft. Fälle wie den des 53-jährigen Sexualstraftäters Hans-Peter W., der vor wenigen Tagen aus Bad Pyrmont nach Hamburg umgezogen ist, werde es künftig häufiger geben, sagt Teddy Lohse, Landeschef der Gewerkschaft. >Wir werden damit leben und uns darauf einstellen müssen.<“ So André Zand-Vakili im Hamburg-Teil der Welt am Sonntag.
Er scheint das zu missbilligen. Er verlangt von den Ämtern, dass sie das Hier und Dort des Sexualstraftäters klar regeln, auch wenn er aus dem Gefängnis entlassen ist: Er hat im Dort zu verbleiben, verlässlich, und darf keinesfalls unvermutet hier auftauchen, gar Wohnung nehmen. (Dann besser Bad Pyrmont.)
Samstag, 31. Juli 10
„Bei den verheerenden Waldbränden durch die seit Wochen anhaltende Hitze in Russland sind mindestens 25 Menschen ums Leben gekommen“, kommentiert der Tagesspiegel das Foto. „Ganze Dörfer mit traditionellen Holzhäusern brannten nieder wie hier bei Nischni Noworod.“
Deutlich erkennt man, wie das Feuer dort immer näher kommt. Wenn es hier ist, muss der halbnackte Mann seinen Sandhügel geräumt haben. Sonst vermehrt er die Zahl der Toten.
Freitag, 30. Juli 10
„In einem noblen Hamburger Hotel haben Polizeibeamte aus Sachsen-Anhalt ein Trinkgelage veranstaltet und betrunken andere Gäste belästigt“, zitiert die SZ dpa. „Zuvor hatten sie ihre Kollegen bei einer Demonstration im Schanzenviertel unterstützt, wo am Samstag 800 Menschen gegen Polizeigewalt und staatliche Repression protestierten. Nach Ende ihres Einsatzes gegen 23 Uhr seien Polizisten biertrinkend und grölend durch die Flure des Golfhotels getaumelt, hätten eine Hochzeitsgesellschaft gestört und Angestellte verbal attackiert, bestätige ein Polizeisprecher. >Wäre ich Hotelgast gewesen, ich hätte wohl die 110 angerufen.< Ein betrunkener Beamter soll sich sogar übergeben haben. Hamburgs Polizeipräsident Werner Jantosch sei >stinksauer< gewesen, berichtete der Sprecher.“
Während der Polizeiarbeit schien Sachsen-Anhalt sich nicht im mindesten von Hamburg zu unterscheiden, ein gemeinsames Hier. Aber beim Entspannen trat deutlich zu Tage, dass jene Polizisten von dort kamen und hier nichts zu suchen hatten.
Donnerstag, 29. Juli 10
Heinrich Heine: einst dort in Paris exiliert, jetzt hier als Marmorbüste in der Walhalla aufgestellt. „Vor mehr als 150 Jahren hat der große deutsche Schriftsteller die Walhalla bei Regensburg als >marmorne Schädelstätte< abgetan“, schreibt Max Hägler in der SZ. „Hat verächtliche Zeilen auf König Ludwig I. gedichtet, der diese Halle erbauen ließ. Jetzt steht, nach langer Debatte, ausgerechnet hier ein Abbild Heinrich Heines. Der große Polemiker, geformt aus weißem Südtiroler Marmor, in der von ihm verspotteten nationalen Ruhmeshalle – der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) kokettierte am Mittwoch, als der Schädel aufgestellt wurde, mit dieser Gratwanderung.“
„Er >hätte nicht viel übrig gehabt< für diesen Platz, vermutete Seehofer. Und kontert mit Heinrich Mann: >Mag er kein äußeres Denkmal brauchen, wir schulden dies Denkmal uns selbst.“
Von Seehofer aus gesehen, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, gehört aber Heinrich Mann auch eher zum Dort.
Mittwoch, 28. Juli 10
„Die Initiative >Gendreck weg< will am Donnerstag das einzige kommerzielle Feld mit gentechnisch veränderten Pflanzen in Deutschland zerstören. >In Schutzanzügen werden wir uns auf den Acker bei Zepkow in Mecklenburg-Vorpommern begeben, die Knollen der Kartoffelsorte Amflora aus dem Boden holen und in einen Müllsack sammeln<, kündigten zwei Mitglieder der Gruppe an. >Wir gehen davon aus, dass die Polizei die Entsorgungsaktion beenden und uns festnehmen wird<“, schreibt Jost Maurin in der taz. „Niemand wisse, welche Schäden die Gentech-Kartoffel des Chemiekonzerns BASF auslöse, wenn sie in die Nahrungskette gelange, erklärten die zwei.“
Da unterscheiden sie sich gründlich von Kai Hähner, hätte unsere Freundin Jutta gespottet: Der kennt die verheerenden Wirkungen genau, die hier schon der bloße Anblick von Schwulen zeitigt!
Dienstag, 27. Juli 10
„In den vergangenen Monaten hat sich in der Berliner Bussi-Gesellchaft ein neuer Treffpunkt etabliert: das Soho House in der Torstraße in Mitte. Der Künstler Damien Hirst bat seine Gäste auf die Dachterrasse des exklusiven Members Club“, schreibt Ulf Lippitz im Tagesspiegel, „als er zum Gallery Weekend im Mai Berlin besuchte. Der Modeschöpfer Kostas Murkudis feierte auf der Fashion Week die Veröffentlichung seines ersten Buches – stilecht in der Kellerbibliothek mit angrenzendem Privatkino. Und zwischendurch kursierte unter Mitte-Kreativen ständig dieser eine Satz wie ein Schwarm Schmeißfliegen: Sehen wir uns heute im Soho House?“
„Das Soho House stammt aus London, besitzt Ableger in New York und Hollywood – und darf nur von Mitgliedern betreten werden, respektive Gästen in Begleitung von Mitgliedern. Damit verfolge der Club eine Türpolitik, die man in den 90er Jahren für obsolet in Berlin erklären wollte: die Auslese am Eingang.“
Sie garantiert die strikte Trennung von Hier und Dort – man möchte an einen hartnäckigen Genius loci denken, sinniert der Ostberliner. Denn in diesem Gebäude residierte lange die SED, die ja gleichfalls strikt zwischen Mitgliedern (hier) und den anderen Leuten (dort) unterschied.
Montag, 26. Juli 10
Kai Hähner, Vorsitzender des CDU-Ortsverbandes Chemnitz Mitte/West, hat anlässlich des Christopher Street Day einen Brief geschrieben.
„Hähner beklagt sich darüber, dass Schwule und Lesben >ihre Lebensweise in die Öffentlichkeit tragen<. Am vorvergangenen Samstag waren rund 2500 Menschen durch die Leipziger Innenstadt gezogen, um für die Rechte von Homosexuellen zu demonstrieren“, schreibt Michael Bartsch in der taz. „In dem Schreiben des CDU-Funktionärs heißt es weiter: >Leben Sie, wie Sie wollen, im Privaten, und lassen Sie andere mit Ihrer Abnormalität in Ruhe.< Jugendliche würden in ihrer sexuellen Findungsphase damit verleitet. Wenn schon Kindergartenkinder mit Homosexualität konfrontiert würden, wolle er die Verantwortlichen dafür vor Gericht bringen.“
Sie haben hier nichts zu suchen, die Schwulen und Lesben, weil sie sich hier gleich bedenklich vermehren. Sie sollen dort bleiben, unsichtbar.
Sonntag, 25. Juli 10
„Bei einer Massenpanik auf der Loveparade in Duisburg sind am Samstag mindestens 15 Menschen ums Leben gekommen“, schreiben Gerd Schild und Christoph Stollowsky im Tagesspiegel. „Bis zu 100 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, einige mussten reanimiert werden. Zu der Panik war es in einem Tunnel vor dem Loveparade-Gelände am ehemaligen Duisburger Güterbahnhof gekommen. Der Tunnel war der einzige und offizielle Zugang zum Veranstaltungsgelände und das Nadelöhr der Veranstaltung. Die Massenpanik war nach Angaben des städtischen Ordnungsdezernenten Wolfgang Rabe durch Besucher ausgelöst worden, die Sicherheitszäune überstiegen hatten, um zum Veranstaltungsgelände zu kommen. Einige stürzten dabei von einer Treppe. Dadurch sei offenbar eine >Kettenreaktion< ausgelöst worden, durch die mindestens neun Frauen und sechs Männer starben.“
Samstag, 24. Juli 10
Wieder ist einer auf dem Weg von hier nach dort verschollen. „Der Köpenicker Schüler war Donnerstag gemeinsam mit drei Bekannten zu einer >wilden< Badestelle am Ufer des Sees, unweit des Müggelseedamms, gefahren“, schreibt ls. in der Berliner Zeitung. „Etwa 200 Meter vom Ufer entfernt ist eine Messstation auf dem Grund des Sees verankert. Dorthin wollten die jungen Leute schwimmen. Was dann geschah, hat die Polizei noch nicht lückenlos klären können. Nach bisherigen Erkenntnissen schwammen die Jungen in Richtung Insel. Der 18-Jährige, der kein geübter Schwimmer ist, war der Letzte. Er schluckte Wasser und wurde offenbar ohnmächtig. Seine drei Begleiter versuchten ihn über Wasser zu halten und an Land zu schleppen. Er glitt ihnen aus den Händen und versank.“
Freitag, 23. Juli 10
„Charmant sei dieser Mann, schwärmt die Pressedame der Salzburger Festspiele, >ein angenehmer Zeitgenosse<“, schreibt Christiane Schlötzer in der SZ. Er heißt Ahmet Kocabiyik. „Mit der Aussprache des türkischen Namens haben sie in Salzburg noch ein wenig Schwierigkeiten, aber schließlich ist der Unternehmer auch der erste Mäzen vom Bosporus, der sich aus Begeisterung für Mozart und Beethoven als Sponsor der Salzburger Festspiele engagiert. In der Felsenreitschule wird er am Sonntag dabei sein, wenn sein Orchester, das Borusan Istanbul Filarmoni Orkestrasi, bei der Festspieleröffnung >einen Gruß aus Istanbul< überbringt. Der Unternehmer produziert im Hauptberuf Stahl, ist im Energiegeschäft engagiert und importiert exklusiv Autos von BMW in die Türkei. Die Geschäfte gehen gut. Kocabiyiks Familienholding ist stolz auf einen Jahresumsatz von rund drei Milliarden Euro.“
Donnerstag, 22. Juli 10
„Die US-Minister Robert Gates und Hillary Clinton (in Zivil)“, unterschreibt die SZ das Foto, „werfen von Südkorea aus einen Blick über die Grenze in den Norden der Halbinsel.”
Mittwoch, 21. Juli 10
Den Trinkern am Kottbusser Tor, Berlin-Kreuzberg, soll ein eigenes Hier respektive Dort zugewiesen werden: „Damit sie am Kotti nicht mehr stören, sollen sie einen eigenen Platz erhalten – auf der Mittelinsel unter der Hochbahn. Ein von Sträuchern bewucherter, eingezäunter Ort, umgeben vom Kreisverkehr. Oben donnert die U 1, ringsherum tobt der Autoverkehr. An fünf Ampeln wird sternförmig der Platz angefahren“, schreibt Karin Schmidl in der Berliner Zeitung. „Der Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz (Grüne), schwärmt: >Als Sichtschutz wird eine Hecke gepflanzt. Bänke sowie Toiletten werden aufgestellt.< In einem Kiosk soll es sogar Alkohol geben, dann müssen die Menschen nicht >über die Straße torkeln<. Hilfe werde es für sie auch geben, Sozialarbeiter sollen über >Wege aus der Sucht< reden“, sodass der eine oder andere womöglich von dort nach hier zurückfindet.
Dienstag, 20. Juli 10
„>Der Stadtteil kommt<, sagt Carsten Ruthe. >Er wird der nächste Schauplatz der Gentrifizierung.< Soll heißen, ein sozialer Umstrukturierungsprozess wird stattfinden, wohlhabende Menschen werden das Viertel entdecken – und aufwerten. Die alte Klientel wird sich mit der neuen durchmischen. >Also, investieren Sie jetzt!< sagt Ruthe. >Noch sind die Preise in Wilhelmsburg erschwinglich<“, schreibt Nico Binde im Hamburger Abendblatt.
„Warum man das tun sollte, erschließt sich auch bei der Fahrt entlang des Vieringkanals. Ein Radweg am Wasser offenbart den Charme der Gegend. Hier prallen Industrieromantik und grüner Erholungswert aufeinander. So kommen am linken Ufer der künstlichen Wasserstraße Stahlbauten, Tonnen und Alu-Gerüste einer Schmierölfabrik in den Blick. Auf der rechten Seite erstreckt sich hingegen ein Grünstreifen mit Brücken, Entenfamilien und Blütenpracht. Dazwischen liegen Hausboote.“
So kann man bei einer Fahrradtour die Übergänge von Hier nach Dort genießen, die wieder einmal die Übergänge von der Gegenwart in die Zukunft sind.
Montag, 19. Juli 10
Ein Fotowettbewerb zwischen Kindern aus Hamburg und Shanghai, „Meine Stadt. Deine Stadt“. „Neben kindlichen Gemeinsamkeiten sollten auch kulturelle Unterschiede aus verschiedenen Blickwinkeln aufgezeigt werden“, schreibt Katharina Derlin im Hamburger Abendblatt. „Blumen, Stadtaufnahmen wie Hafen oder Bahnhof, Polizisten, Märkte und immer wieder Schnappschüsse von Familie, Freunden und Tieren. Die kulturellen Unterschiede wurden jedoch erst bei der Relevanz von Religion sichtbar, aber auch in alltäglichen Situationen: Fußball spielende Kinder in den Gassen Shanghais mit der Bildunterschrift >Der Spielplatz der Kinder kann so einfach sein< wurde einem mit künstlichem Rasen angelegten Spielfeld und mitfieberndem Publikum gegenübergestellt.“
So richtig kriegen die sie aber nicht hin, spottet der Anthropologe, die Unterschiede zwischen Hier und Dort.
Samstag, 17. Juli 10
„Bürgermeister Ole von Beust blickt nachdenklich aus einem Fenster des Rathauses auf den Rathausmarkt“, behauptet das Hamburger Abendblatt.
Unverkennbar schaut er von hier nach dort. Angeblich ist das ein Blick in die Zukunft, wenn er nicht mehr Erster Bürgermeister von Hamburg sein wird.
Freitag, 16. Juli 10
„Auf zum großen Turfvergnügen!“ schreibt jmo im Hamburger Abendblatt. „Mit dem ausgeschnittenen Coupon auf dieser Seite gibt es heute freien Eintritt auf der Derbybahn in Hamburg-Horn (Rennbahnstr. 96, U-Bahn Horner Rennbahn). Zudem stehen auf der Haupttribüne 480 Sitzplätze zur Verfügung. Spannender ist das bunte Leben auf dem Sattelplatz im Innenraum des Hippodroms. Zwischen Führring, Waagegebäude und Geläuf lassen sich die edlen Vollblüter aus der Nähe betrachten. Nach dem Finish werden die Rennpferde im Absattelring mit kalten Duschen erfrischt. Den Besuchern stehen Biergärten und zahlreiche Imbisse und Getränkestände zur Verfügung. Auf die jüngsten Besucher wartet ein Kinderland.“
Man verwendet zu wenig Aufmerksamkeit, bemerkt der Anthropologe, auf die Berechtigungsscheine, die den reibungslosen Übergang von Hier nach Dort ermöglichen.
Donnerstag, 15. Juli 10
„Hätten die Behörden rechtzeitig reagiert und die neun Monate alte Lara-Mia aus der Gefahrenzone Familie gebracht“, schreibt Daniel Herder im Hamburger Abendblatt, „ – womöglich hätte das Leben des am Ende dramatisch abgemagerten Mädchens gerettet werden können. Morgen wird das Landgericht im Prozess gegen die Eltern des im März 2009 gestorbenen Säuglings das Urteil verkünden. Die zwei wegen versuchten Totschlags durch Unterlassen angeklagten Heranwachsenden sollen Lara-Mia nicht ausreichend mit Nahrung versorgt haben. Vermutlich wird die Kammer dabei auch die Verantwortung der Behörden bei dem Debakel ansprechen.“
Denn die Behörde vermag durch ihren Eingriff die Gefahrenzone Familie (dort) in ein wohltätiges Hier zu verwandeln.
Mittwoch, 14. Juli 10
„Der zurückgetretene Augsburger Bischof Walter Mixa soll ins Franziskanerinnen-Kloster nach Fünfstetten im Landkreis Donau-Ries ziehen“, schreibt stma in der SZ. „Dies gab Diözesanadministrator Josef Grünwald am Montag in einer Dekankonferenz in Augsburg bekannt. Das Kloster der Franziskanerinnen von Maria Stein liegt zwar im Bezirk Schwaben, aber nicht mehr in der Diözese Augsburg. Vielmehr gehört das Haus zum Bistum Eichstätt. Der dortige Bischof Gregor Maria Hanke ist mit der Rückkehr seines Vorgängers einverstanden, auch der künftige Bischof Konrad Zdarsa war in die Entscheidung eingebunden. Ob Mixa das Angebot annimmt, ist offen. Derzeit wohnt er noch im Augsburger Bischofspalais.“
Dienstag, 13. Juli 10
„Das Drama um Roman Polanski endet mit einem Happy End für den Regisseur“, schreibt Jan Dirk Herbermann im Tagesspiegel. „Die Schweizer Regierung lehnt eine Auslieferung des mutmaßlichen Vergewaltigers einer 13-Jährigen in die USA ab. Die Eidgenossen machen geltend, die USA hätten entscheidende Zeugenaussagen im Fall Polanski nicht übermittelt – das gab Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf am Montag in Bern bekannt. Filmemacher Polanski konnte noch am selben Tag um 13.30 Uhr seine elektronischen Fußfesseln abstreifen und sein Luxuschalet in Gstaad als freier Mann verlassen; seit Dezember 2009 hielten die Behörden den 76 Jahre alten französisch-polnischen Doppelbürger dort unter Hausarrest. Insgesamt saß der mit erstem Wohnsitz in Frankreich lebende Polanski zehn Monate in der Schweiz fest.“
Komplizierte Verhältnisse zwischen Hier und Dort: die Schweiz, die USA, Polen, Frankreich.
Montag, 12. Juli 10
„Ein Alligator ist durch Frankfurt spaziert – doch ein aufmerksamer Autofahrer beendete den Ausflug nach wenigen Minuten. >Ali<, der stattliche drei Meter misst und 170 Kilo auf die Waage bringt, war am frühen Morgen aus seinem Quartier bei der Show >Land der Reptilien< ausgebüxt“, zitiert die SZ dpa, die die Frankfurter Polizei zitiert. „Der Autofahrer entdeckte um 5.30 Uhr das Tier auf einem Bürgersteig nahe der Honsellbrücke im Ostend und alarmierte die Polizei. Die Mitarbeiter der Reptilienshow brachten >Ali< zurück in seinen Käfig.“
Für eine kurze Zeit verwandelte der Alligator die Honsellbrücke in ein unerreichbares Dort – so wie Raoul Moats Northumberland. Er hat sich jetzt, von der Polizei umstellt, in der Nähe von Newcastle erschossen.
Sonntag, 11. Juli 10
„Die beiden Häftlinge aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo sollen sich in Deutschland nicht frei bewegen können. >Sie erhalten einen Aufenthaltsstatus mit räumlicher Begrenzung<, sagte der rheinland-pfälzische Innenminister Karl-Peter Bruch“, zitiert der Tagesspiegel dpa, die Focus zitiert. „Um sie zu schützen, sollten die Häftlinge vor der Öffentlichkeit abgeschirmt werden. Das Bundesinnenministerium stimme sich eng mit den Innenministerien der Länder ab. Die Männer werden in Rheinland-Pfalz und in Hamburg leben.“
Sie umgibt, wie Raoul Moat in Northumberland, eine undurchdringliche Aura des Dort.
Samstag, 10. Juli 10
„Die letzten Kilometer zum Drehort im malaiischen Regenwald legt Sabine Kuegler in einem schmalen Holzboot zurück“, schreibt Rainer Vogt in der Frankfurter Rundschau. „Es geht flussaufwärts, immer wieder durch kleine Stromschnellen hindurch. Schon nach wenigen Flussbiegungen hat wilde Natur die Zivilisation verdrängt. Und damit weicht der scheue Blick der Bestsellerautorin zusehends einer freudigen Gelassenheit.“
„Die heute 37-jährige Tochter norddeutscher Missionare und Sprachforscher ist im Dschungel West-Papuas aufgewachsen; dieses Leben soll nun verfilmt werden, ein paar tausend Kilometer weiter westlich, aber im Regenwald halt. Deshalb ist sie hier, macht PR, beobachtet die Spielfilmversion ihrer Biographie. Große Gefühle löst das bei ihr nicht aus.“
Die Unterscheidung von Wildnis/Zivilisation (Kultur/Natur), bemerkt der Anthropologe, scheint ja auch keine trennscharfe Unterscheidung von Hier und Dort zu implizieren.
Freitag, 9. Juli 10
„Ein Krieg scheint ausgebrochen in den einsamen Hochmooren und Wäldern von Northumbria, im Nordosten von England. Gepanzerte Fahrzeuge rumpeln über Feldwege, Hubschrauber knattern im Tiefflug über entlegene Gehöfte und Heerscharen von Männern mit Maschinenpistolen, Schutzhelmen und schweren Metallschilden durchkämmen die Wiesen und Weiden“, schreibt Wolfgang Koydl in der SZ. 1960 verbrachte ich drei Wochen als Austauschschüler in Northumbria, weshalb es immer noch ein wenig Hier ist. An einsame Wälder und Hochmoore kann ich mich nicht erinnern – ob Wolfgang Koydl je dort war?
„Der martialische Aufmarsch gebührt allerdings nur einem einzigen Mann: Seit sechs Tagen schon entzieht sich der 37-jährige Raoul Moat in dem wildromantischen Landstrich in der Umgebung der Hafenstadt Newcastle dem Zugriff der Polizei. Am vergangenen Samstag hatte er seine ehemalige Freundin verletzt und deren gegenwärtigen Partner getötet. Einen Tag darauf schoss er einen Polizisten an, der in seinem Streifenwagen saß. Seitdem ist der mit Schrotflinten bewaffnete Mann untergetaucht.“
Gewiss erzeugt Raoul Moat um sich herum ad hoc ein wildromantisches Dort – wie immer die Gegend faktisch ausschaut.
Donnerstag, 8. Juli 10
„Auch Berlin hat gestern Abend in Durban verloren, auch für die Stadt ging es um alles – leider ohne Erfolg“, schreibt der Tagesspiegel. „Der Ausgang des Halbfinales sollte entscheiden, ob die deutsche Mannschaft nach der WM in Berlin an der Siegessäule feiern wird – oder doch eher in Frankfurt am Main. Denn voraussichtlich, so war zu hören, findet die Berliner Feier mit en Fans nur statt, wenn Deutschland Weltmeister oder Vize-Weltmeister wird. Am heutigen Donnerstag will der Deutsche Fußball-Bund entscheiden, ob und wann Löws Elf kommt. Nun, die Chancen stehen denkbar schlecht.“
Hier war Durban/Südafrika, hier wird womöglich Frankfurt/Main sein – Berlin dagegen ist ins Dort verbannt.
Mittwoch, 7. Juli 10
„Unbestritten gibt es unter den Kopftuch- oder gar Burkaträgerinnen selbstbewusste und aufgeklärte Frauen. Als ehemaliger Lehrer einer weiterführenden Schule mit hohem Anteil von jungen Muslimen ist es mir natürlich lieber, dass sich eine Schülerin mit der Tarnkappe Kopftuch den Zugang zu einer gemäßen Bildung >erschleicht<, als dass sie offen gegen den Verkleidungszwang protestiert und von den Macho-Tugendwächtern in ihrer Familie gehindert wird. Hier kommt der wesentliche Unterschied zu dem“, schreibt Horst Ebeling aus Schörfling/Österreich in einem Leserbrief an die SZ, „Schönheits- und Schaustellungswahn westlicher Frauen zum Vorschein. Diese unterwerfen sich den damit verbundenen Quälereien in der Regel freiwillig und haben sich aus freien Stücken gegen Bildung und Vernunft entschieden. Sie sind allenfalls Opfer einer feingestrickten Manipulation durch eine männerbeherrschte Wirtschaft, die allerdings perfide ist, weil sie bewusst bereits in den frühen Phasen der Entwicklung eingesetzt wird. Einer bis zur physischen Vernichtung gehenden familiär-religiösen Bedrohung sind sie bei Missachtung der Entblößungserwartungen aber nicht ausgesetzt.“
Doch tragen in gewisser Weise, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, die Frauen hier im Westen gleichfalls Kopftuch oder Burka. Bloß merken sie es nicht, und es bleibt unsichtbar.
Dienstag, 6. Juli 10
„Berlins Innensenator Erhart Körting (SPD) nannte das absolute Rauchverbot in Bayern >ein bisschen über das Ziel hinausgehend<. Wenn man das Rauchen selbst in Raucherclubs verbiete, könne man sich auch fragen, ob es zu Hause noch erlaubt sei. Sollte es in Berlin eine Volksinitiative für das absolute Rauchverbot geben, erwartet Körting eine >gründliche Diskussion über die Freiheit des Einzelnen<. Berliner Anti-Raucher-Aktivisten streben nun ebenfalls eine Volksinitiative an. >Wir möchten auch in Berlin einen Nichtraucherschutz ohne Ausnahmen einführen<, sagte Johannes Spatz, Sprecher des >Forum Rauchfrei<“, so Sabine Beikler und Christian Tretbar im Tagesspiegel.
Wieder mal eine gute Gelegenheit, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, Bayern aus der Bundesrepublik zu entlassen. Und zu Johannes Spatz und seinesgleichen könnte man dann sagen: „Geh doch nach drüben!“
Montag, 5. Juli 10
„In klaren Nächten erkennen sie aus ihren Wohnzimmerfenstern sogar den blinkenden Berliner Fernsehturm. Zwar ist es eine gute Autostunde von Joachimsthal zum Alexanderplatz. Doch Sarah Phillips, 46, und Richard Hurding, 48, gucken aus der Vogelperspektive über den Landkreis Barnim, über flaches Land, dichte uckermärkische Wälder und großflächige tiefblaue Seen. Vor einigen Jahren zog es sie aus loftigen Stadtwohnungen in Millionenmetropolen wie London und Hongkong nach Joachimsthal. In ein 3000-Seelen-Nest und in einen umgebauten Wasserturm.“ So Ina Brzoska in der Berliner Zeitung.
Es erhöht also die Qualität des Hier, wenn man von dort ein möglichst weit entferntes Dort erblicken kann?
Sonntag, 4. Juli 10
„Die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig ist tot. Bei der Suche nach der am vergangenen Dienstag verschwundenen 48-Jährigen fand die Polizei am Samstagnachmittag eine weibliche Leiche“, schreiben Sandra Dassler und Kerstin Gehrke im Tagesspiegel. „>Wir müssen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Tote Frau Heisig ist<, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, dem Tagesspiegel. Er bestätigte, dass es nach ersten Erkenntnissen >keinerlei Anzeichen für ein Fremdverschulden gibt<.“
Die Jugendrichterin hat sich ein für allemal vom Hier ins Dort davongemacht.
Samstag, 3. Juli 10
„Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele sieht die vielerorts wehenden Deutschlandflaggen während der Fußball-WM bei Einwanderern auch als >Zeichen der Integration<. >Das zeigt ja, dass sie hier voll angekommen sind<“, zitiert die Berliner Zeitung ddp, der den Deutschlandfunk zitiert. „Er persönlich habe jedoch bereits bei der vergangenen WM deutlich gemacht, dass er sich mit so vielen Deutschlandfahnen >nicht so wohl fühle<. Zwar gestehe er anderen Patriotismus zu, >nur ich selber muss das nicht haben.<“
Freitag, 2. Juli 10
„Oskar Lafontaine (M.) mit Merkel und ihrem Kandidaten Wulff“, unterschreibt die SZ das Foto: “Am Ende muss die Kanzlerin dem ehemaligen SPD-Politiker sehr dankbar sein.“
Denn seine Linkspartei, die aus der Sicht von Merkel und Wulff unbedingt im Dort sich befindet, wählte nicht geschlossen den Kandidaten von SPD und Grünen zum Bundespräsidenten, was hier schließlich den Sieg von Wulff ermöglichte.
Donnerstag, 1. Juli 10
Eine systematische Verwechslung von Hier und Dort, in betrügerischer Absicht: „Händler von außerhalb, so beschwerte sich jetzt der Vorsitzende des örtlichen Obst- und Gartenbauvereins, Werner Kipp,“, berichtet Thomas Witzel in der Frankfurter Rundschau, „verkaufen im Rhein-Main-Gebiet, vornehmlich in Bad Homburg und Frankfurt, Ockstädter Kirschen, die in Wirklichkeit überhaupt keine sind. Der arglose Käufer, so Kipp, könne gar nichts merken. >Die benutzen allem Anschein nach sogar unsere Kisten<, so Kipp.“
Mittwoch, 30. Juni 10
„Es gibt in der Öffentlichkeit kein Bild von Soile Lautsi. Darauf achtet die italienische Atheistin, schließlich hat sie sich mit ihrem Feldzug gegen Kruzifixe in Klassenzimmern viele Feinde gemacht“, schreibt Thomas Kircher in der SZ. „Lautsi, eine geborene Finnin, mochte im Schuljahr 2001/2002 nicht hinnehmen, dass in den Klassenzimmern ihrer Söhne Kruzifixe an der Wand hingen. Nachdem sie mit ihrer Klage gegen den Staat vor allen italienischen Gerichten gescheitert war, erhielt sie im vergangenen November in Straßburg überraschend recht. Die Präsenz des christlichen Symbols in Italiens staatlichen Schulen sei nicht mit der Europäischen Menschenrechtskonvention vereinbar, so die Richter. Im Angesicht des Kreuzes müssten die Kinder denken, in einem Umfeld zur Schule zu gehen, das den Stempel einer bestimmten Religion trage, was >verstörend< auf Kinder mit anderem oder gar keinem Glauben wirken könne.“
Aber in der Schule, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, fühlt sich das Kind sowieso ins Dort verbannt. Ob da noch ein Kruzifix hängt, ist doch egal.
Dienstag, 29. Juni 10
„Für eine botanische Weltreise braucht man weder ein windabhängiges Segelschiff wie die frühen Naturforscher“, schreibt Rosemarie Stein im Tagesspiegel, “noch ein aschegefährdetes Flugzeug. Ein Spaziergang in Dahlem durch die Hügel und Täler der pflanzengeographischen Abteilung des Botanischen Gartens tut’s auch. Er bietet die ganze Flora-Fülle der nördlichen Halbkugel, und die der südlichen findet man frostsicher in den Schaugewächshäusern.“
Der Botanische Garten hebt den Unterschied zwischen Hier und Dort auf.
Montag, 28. Juni 10
„Im Juni vergangenen Jahres veröffentlichte die japanische Zeitung >Mainichi Shimbun< ein zehn Jahre altes Foto. Angeblich handelte es sich um ein Klassenfoto einer Privatschule in Bern von 1999, das den damals 16-jährigen Kim Yong Un zeigt. Der junge Kim sei dort von 1996 bis 2001 unter dem falschen Namen Pak Un als Sohn eines nordkoreanischen Botschaftsangehörigen angemeldet gewesen“, zitiert der Tagesspiegel AFP. „Recherchen unter ehemaligen Klassenkameraden förderten zutage, dass der Besagte dort Englisch, Französisch und Deutsch lernte. Er habe gern Comics gezeichnet. Einem portugiesischen Mitschüler, Jocao Micaelo, soll er sich demnach in einem seltenen Moment der Offenheit als Sohn Kim Jong Ils zu erkennen gegeben haben.“
Niemals richtig im Hier angelangt, stets halb im Dort verborgen.
Sonntag, 27. Juni 10
„>Ich sage Ihnen, was China vorhat: Die wollen uns Schritt für Schritt abhängig machen, bis es kein Zurück mehr gibt – und dann verlieren wir unsere Freiheit und unsere Menschenrechte.< Ying-yuan Lees Worte klingen wütend, aber er selbst wirkt ziemlich entspannt“, schreibt Björn Rosen im Tagesspiegel.
„Der 57-Jährige sitzt so wie etwa 100 andere Demonstranten an diesem heißen Samstagmittag auf einem Plastikhocker – mitten auf einer Straße im Zentrum der geschäftigen Millionenmetropole Taipeh. Auf der einen Seite befindet sich das taiwanesische Parlament, auf der anderen das Innenministerium. Lee, Politiker der DPP, die das Land von 2000 bis 2008 regierte, ist der Anführer dieses Sit-ins. Die taiwanesische Opposition will damit gegen die Politik der Regierung demonstrieren: gegen die Annäherung an Festland-China.“
Hier soll hier, und Dort soll dort bleiben. Sagen die einen…
Samstag, 26. Juni 10
„Es ist nicht irgendeine Stalin-Statue, die hier vom Sockel geholt wurde. Sie stand im georgischen Gori, der Geburtsstadt des sowjetischen Diktators. Mitten in der Nacht und ohne Vorankündigung begannen die Behörden“, kommentiert die SZ das Foto, „mit der Demontage – vermutlich, um Proteste der Bürger zu verhindern. Die georgische Führung strebt nach Westen und will sich von ihrem sowjetischen Erbe trennen. Viele Georgier hatten sich jüngst gegen einen Abriss ausgesprochen, schließlich gehöre Stalin zur Geschichte des Landes.“
Mitten in der Nacht und ohne Vorankündigung das Hier in Dort verwandeln, wenigstens pars pro toto.
Freitag, 25. Juni 10
„Das >Schinok<, ukrainisch für >Kneipe<, liegt in einer ehemaligen Textilfabrik an der Moskwa hinter dem russischen Regierungssitz“, schreibt Sonja Zekri in der SZ.
„Auf den ersten Blick sieht es aus wie die Kopie eines ukrainischen Bauernhauses mit schwerem Holz, schmiedeeisernen Töpfen, schummerig und geduckt, wie sich der Moskauer ukrainische Bauernhäuser so vorstellt. Aber Tische, Stühle, Küche, Ofen und Gäste sind nur Kulisse für das Herz des Lokals: eine abgeschlossene, nur durch Fenster sichtbare Idylle mit künstlichen Sonnenblumen und falschem Tümpel, Bonsai-Windmühle, Plastikbäumen und echtem Stroh.“
Unerschöpflich die Möglichkeiten, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, eine Ferne, so nahe sie sein mag, zur Erscheinung zu bringen.
Donnerstag, 24. Juni 10
Hier ist Sawsan Chebli jetzt Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten bei der Berliner Innenverwaltung.
Dort kam sie her: „Die heute 31-Jährige wird als jüngstes von 13 Kindern einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie in Berlin geboren. Bis zum Alter von 12 ist sie staatenlos, lebt mit unsicherem Aufenthaltsstatus. Die ältesten Geschwister dürfen als Flüchtlinge nicht zur Schule gehen; die Eltern sind Analphabeten, zu Hause wird Arabisch gesprochen. Sie geht als erste aufs Gymnasium – und bleibt in der achten Klasse sitzen. >Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer<, sagt ein Lehrer zu ihr, als sie eine gute Zensur erreicht. >Erst habe ich aufgegeben. Und dann gedacht: Jetzt aber!< erzählt Chebli.“ So Alke Wierth in der taz.
Mittwoch, 23. Juni 10
Aus dem Dort, in das sie verbannt war, ins Hier zurückgekehrt: „Die bundesweit als >Emmely< bekannt gewordene Berliner Kassiererin sitzt wieder an einer Supermarktkasse“, zitiert die taz dpa (siehe auch Berliner Zeitung).
„Ihr war Anfang 2008 gekündigt worden. Der Grund: Sie hatte liegen gebliebene Pfandmarken im Wert von 1,30 Euro eingelöst. Die Frau klagte gegen die Kündigung, ging durch mehrere Instanzen und siegte schließlich vor dem Bundesarbeitsgericht. Seit gestern Vormittag arbeitet die 52-Jährige – zunächst allerdings abgeschirmt von Sicherheitskräften – wieder in einem Kaiser’s Supermarkt in der Nähe ihres Wohnorts in Berlin-Hohenschönhausen.“
Dienstag, 22. Juni 10
„Es sind nur zwei, drei Schritte von der Tiefgarage, die zum schicken BrahmsQuartier gehört, zu den verfallenden Künstlerhäusern des Gängeviertels. Doch dazwischen liegen Welten. Männer in Geschäftsanzügen mit Aktenkoffern treffen hier auf papageienbunt gekleidete Künstler, die sich in Liegestühlen sonnen, lesen, trinken, malen und ausgelassen palavern“, schreibt Matthias Rebaschus im Hamburger Abendblatt. „Die neuen Nachbarn der Künstler zogen gestern Morgen ein: 350 Mitglieder der Deutschland- Zentrale von Esso, die ihr Quartier in der City Nord verließen. Ebenso wie andere Nachbarn aus den neu gebauten Wohnhäusern hat sich Esso beim Bezirk Mitte über das Gängeviertel beschwert, das seiner Ansicht nach verkommt und ein Sicherheitsproblem darstellt.“
Von hier oben schauen die Esso-Leute auf die Rollheimer dort unten und fühlen sich belästigt.
Montag, 21. Juni 10
„Eingekapselt in mit Luft gefüllte Kunststoffbälle, sind am autofreien Sonntag rund 300 Menschen über die Binnenalster gelaufen. Nach fünf Minuten auf dem Wasser ging es dann zurück ans Ufer. 25 Meter lange Reißleinen sorgten dafür, dass die Eingeschlossenen in den elf sogenannten Walk Water Balls schnell wieder festen Boden unter den Füßen hatten.“ So das Hamburger Abendblatt.
Aus diesem Kunststoffball heraus betrachtet man das Hier, als läge es dort.
Sonntag, 20. Juni 10
„Das Massengrab ermordeter Juden im südbrandenburgischen Jamlitz (Landkreis Dahme-Spreewald) konnte nicht gefunden werden“, berichtet Marion Mück-Raab im Tagesspiegel. „Das ist das Ergebnis der Grabungen, die in der vergangenen Woche in Jamlitz beendet wurden. Gesucht wurde nach den Überresten von 753 Menschen; sie stammten überwiegend aus Polen und Ungarn und waren Häftlinge des Lagers Lieberose, eines Außenlagers des KZ Sachsenhausen.“
Sie bleiben unerreichbar im Dort verschollen, das zugleich das Einst ist.
Samstag, 19. Juni 10
„Weil die Tür so weitoffen steht, wagt sich ein junger Mann herein. Ein Ingenieur aus Nürnberg, auf Dienstreise in Berlin. Er hat zwei Kinder, ein neues Haus, einen Audi A 6 als Firmenwagen, >mit Tankkarte<“, berichtet Martin Reichert in der taz aus der Schwulenkneipe Ficken 3000, Berlin-Kreuzberg, Urbanstraße 70. „Sein Leben soll nun wie auf Schienen laufen. Nur einen Mann hat er noch nie geküsst. Er möchte es probieren und findet heraus, dass eine Männerzunge rauer ist als die einer Frau. >Danke für diese Erfahrung<, sagt er zum Abschied. Und: >Mein Vater würde mich umbringen, wenn er das gesehen hätte.< In den Darkroom geht er nicht. Eine Entgleisung möchte und kann er sich nicht leisten.“
In der großen Stadt bildet die Schwulenbar ein Dort, in das man kurzfristig eintreten kann, um gleich wieder ins Hier zurückzukehren.
Freitag, 18. Juni 10
„Der Mann, der eine große Kühlbox durch das Terminal 2E des Pariser Flughafens Charles de Gaulle schleppte, fiel selbst im morgendlichen Getümmel auf. Als die Zollbeamten den Mann zur Seite winkten, ahnten sie schon, was sie in seinem Gepäck finden würden: Affen- oder Antilopenfleisch, vielleicht auch gepökelte Ratte, in Frischhaltefolie verpackt“, schreibt Kathrin Blawat in der SZ. „An einem der größten Flughäfen Europas beobachteten Annelise Chaber und ihre Kollegen 17 Tage lang Szenen wie diese. Die Artenschutz-Experten von der Zoological Society of London wollten ermitteln, wie viel sogenanntes Buschfleisch seinen Weg von Afrika nach Europa findet, wer es schmuggelt und wie es in Paris, Brüssel oder London seine Käufer findet.“
Auf dem Weg von dort nach hier verwandeln sich Nahrungsmittel in Mordopfer.
Donnerstag, 17. Juni 10
„Seit dem Wochenende ist Walter Mixa nach einem Aufenthalt in einer Fachklinik und einem Urlaub wieder präsent in Deutschland“, schreiben Matthias Drobinski und Stefan Mayr in der SZ. „Er wohnt wieder im bischöflichen Palais in Augsburg, er lässt über die Welt am Sonntag und Die Welt, über die Äußerungen seines Anwalts Gerhard Decker die Öffentlichkeit seine Geschichte wissen. Die geht zusammengefasst so: Ich mag Fehler gemacht haben, doch vor allem wurde ich aus dem Amt gemobbt, weil ich mit meinen konservativen Positionen zu unbequem war, innerhalb und außerhalb der Kirche. Erst kam die Pressekampagne, dann haben mich der Bischofskonferenzvorsitzende Zollitsch aus Freiburg und der oberste bayerische Bischof Marx aus München im Stich gelassen. Und schließlich sind meine eigenen wichtigsten Mitarbeiter in Augsburg eingeknickt. Sie haben mich bedrängt, mit Vorwürfen überzogen, die zum Teil aufgebauscht, ja unhaltbar waren.“
Aber es besteht keine Möglichkeit, dass er so ins Hier seines Bischofsamtes zurückkehrt. Im Gegenteil, so vermauert er sich umso gründlicher ins Dort, wo er kein Bischof mehr ist.
Mittwoch, 16. Juni 10
„Dichtes Gebüsch und hohe Bäume entlang der Zufahrt, die Umrisse einiger verlassener Gebäude im Hintergrund: Noch ist der typische Charme einer Brachfläche nicht von dem Grundstück entlang der vielbefahrenen Straße im Köpenicker Westen gewichen“, schreibt Sebastian Puschner im Berlinteil der taz. „Nur das rote Banner am Zaun kündet von der Zukunft des riesigen Areals zwischen Spree und Wuhlheide: >Mellowpark< steht dort, und schon lange wissen nicht nur Skateboarder und BMX-Fans, was damit gemeint ist. Das seit etwas mehr al einem Jahrzehnt existierende Jugendprojekt mit seinen weit über Berlin hinaus bekannten Skate- und BMX-Parks wird hier, auf satten 70 000 Quadratmetern, direkt an der Spree im Frühjahr 2011 seinen neuen Standort eröffnen.“
Noch befindet es sich also im Dort, das Gelände. Erst nächstes Jahr tritt es wirklich ins Hier ein.
Dienstag, 15. Juni 10
„Bettina Wulff, Gattin des niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU), hadert noch mit dem Umzug nach Berlin. >Wenn sich am 30. Juni entscheiden sollte, dass mein Mann Bundespräsident wird, dann müssen wir erstmal vorsichtig überlegen, wie wir die Familie in die Hauptstadt bringen<, sagte die zweifache Mutter am Montag der Online-Ausgabe des Magazins stern“, zitiert die SZ ddp. „Auf jeden Fall werde >nichts übers Knie gebrochen<, sagte sie und fügte hinzu: >Großburgwedel ist und bleibt Heimatstadt.<“
Glasklare Verhältnisse zwischen Hier und Dort.
Montag, 14. Juni 10
„>Der Graben zwischen der Bevölkerung und der Regierung wächst täglich<, sagte Irans Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi in Paris dem Fernsehsender France 24“, schreibt Martin Gehlen im Tagesspiegel. „Die Proteste hätten nur aufgehört, weil >jeder, der demonstrierte, getötet oder verhaftet wurde<. Internetvideos aus fahrenden Autos zeigen Einheiten von Polizei und revolutionären Garden, die überall in Teheran postiert waren, Kommandos der berüchtigten Bassidsch-Milizen patrouillieren auf Motorrädern durch die Stadt. Nur ganz vereinzelt kam es zu Protestrufen. Angesichts der militärischen Übermacht auf den Straßen forderte die Opposition ihre Anhänger auf, sich auf andere Formen des Widerstandes zu konzentrieren – zum Beispiel die sozialen Netzwerke und Websites auszubauen. >Das ist unsere Armee gegen deren Militärmacht<, sagte Oppositionsführer Mir Hossein Mussawi.“
Hier herrscht lückenlos die Regierung – die Opposition muss sich im Dort verbergen.
Sonntag, 13. Juni 10
„Angesichts der schweren Unruhen zwischen rivalisierenden Volksgruppen in Kirgistan hat die Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa den russischen Staatschef Dmitri Medwedew um militärischen Beistand gebeten“, zitiert der Tagesspiegel AFP und dpa. „Die Lage sei >außer Kontrolle< geraten, erklärte sie am Samstag im nationalen Fernsehen. Zahlreiche Usbeken flohen aus der südwestlich gelegenen Stadt Osch an die nahe Grenze. Nach den Worten der deutschen Zentralasien-Expertin Andrea Berg zeichnet sich eine >humanitäre Katastrophe< großen Ausmaßes ab. >Es ist eine furchtbare Situation. Der Himmel war heute morgen schwarz. Vom Himmel regnet es Asche<, sagte die Beobachterin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW). Russland lehnte am Abend ein Eingreifen vorerst ab.“
Die Bewohner Kirgistans wünschen sich nach Hier und Dort neu zu organisieren, unter schweren Kämpfen.
Samstag, 12. Juni 10
„Das zweite Jahr ist er nun als Geisteswissenschaftler an der Otto-Friedrich-Universität und schreibt an seiner Dissertation zum Thema >Krieg und Frieden“, dem Schein und Sein von Kriegsverhandlungen un Friedensverträgen im Europa des Spätmittelalters“, schreibt Stefan Hümmer im Fränkischen Tag. „Als Historiker fühlt sich Gilbert Ekou in Bamberg wie die Made im Speck. Allein schon die attraktiv in der >weltkulturerblich geschützten< Altstadt gelegenen Fakultäten, die unzähligen geschichtsträchtigen Gebäude und die umfassende Bibliothek beeindrucken.Er mag die Franke, mittlerweile findet sein Gaumen auch Gefallen an der fränkischen Küche. Sein Favorit sind rohe Klöße, die ihn an Fufu, einen dicken Knollenbrei, der in Westafrika die wichtigste Beilage darstellt, erinnern.“
„Herr Ekou kann verstehen, dass viele seiner ehemaligen Kommilitonen folgen, wenn das Geld ruft und ein höherer Lebensstandard winkt. Das liegt für ihn in der menschlichen Natur. Er hingegen möchte nach seiner Promotion an seine Heimatuniversität zurückkehren und dort einen Lehrstuhl übernehmen.“
Freitag, 11. Juni 10
„Dodo Liadé ist in Daloa geboren, der Hauptstadt der Rehion Haut Sassandra an der Elfenbeinküste. Er studierte Geisteswissenschaften in Paris, Göttingen und München. Als Kochbuchautor ist er Fachmann in afrikanischer Küche und stellt auch selbst Gewürzmischungen her“, schreibt Eva-Maria Hilker in der Berliner Zeitung. „Will man dem Experten glauben, so sind in der afrikanischen Küche eher einfache Zutaten wichtig wie Kochbanane, auch als Gemüsebanane bekannt. Sie spielt übrigens eine weitaus größere Rolle als die Fruchtbanane. Die wiederum hat der Europäer zur Standard-Banane erklärt. Aloko ist zum Beispiel ein ganz einfaches Gericht, in dem frittierte Kochbananen mit einer Gewürzmischung verfeinert werden.“
Die soll schön dort bleiben, in Afrika, hätte unsere Freundin Jutta gespottet und beim morgendlichen Zeitunglesen ihre Standard-Banane verspeist, die afrikanische Küche. Hier genügt es völlig, darüber zu lesen. (siehe auch Interview im tip)
Donnerstag, 10. Juni 10
„Das Bundesschiedsgericht der DVU hat am Dienstag Parteichef Matthias Fuchs in einem Eilverfahren abgesetzt und ausgeschlossen“, berichtet Frank Jansen im Tagesspiegel. „Die Mitgliedschaft von Faust sei >verwirkt<, heiße es in dem Beschluss, den die amtierende Vorsitzende des Bundesschiedsgerichts, Renate Köhler, unterzeichnet hat. Vordergründig werden Fausts finanzielle Probleme angeführt. Er hatte 2009 einen Offenbarungseide geleistet, laut DVU-Satzung ist damit die Mitgliedschaft hinfällig. Offenbar geht es jedoch eher um Widerstand gegen den Zusammenschluss von DVU und NPD. Faust und der NPD-Vorsitzende Udo Voigt hatten am Freitag beim Parteitag der Nationaldemokraten in Bamberg angekündigt, die Mitglieder beider Parteien sollten zur geplanten >Verschmelzung< befragt werden.“
Hier (DVU) soll hier und Dort (NPD) dort bleiben; keine Verschmelzung. So wurde der Parteivorsitzende flugs ins Dort versetzt.
Mittwoch, 9. Juni 10
„Mitten unter uns, mitten in der Welt, in der wir zur Arbeit gehen, einkaufen, mit unseren Partnern zusammenleben, mit unseren Kindern spielen, mit Freunden in die Kneipe gehen“, schreibt Hans Holzhaider in der SZ, „gibt es eine andere Welt, von deren Existenz wir zwar wissen, aber von deren Realität wir uns nicht annähernd eine Vorstellung machen können. Es ist die Welt der Strafgefangenen; nicht derjenigen, die zu einem oder zwei oder sogar zehn Jahren verurteilt worden sind, sondern derjenigen, die kein Ende ihrer Unfreiheit absehen können, die Lebenslänglichen , uns insbesondere die, die auch nach Verbüßung de Strafe nicht entlassen werden, weil das Gericht sie für so gefährlich hält, dass sie in Sicherungsverwahrung gehalten werden.“
„Michalski ist wegen Mordes und Bankraubs zu lebenslanger Freiheitsstrafe und Sicherungsverwahrung verurteilt; er sitzt seit 1988 ununterbrochen in Haft.“
„Heckhoff, ebenfalls lebenslang mit Sicherungsverwahrung, hat eine über 30-jährige Knastkarriere hinter sich, die kurzen Pausen, die es darin gab, hat er umgehend zu neuen Straftaten genutzt. Am 26. November 2009 flüchteten Heckhoff und Michalski aus der JVA Aachen, die bis dahin als besonders ausbruchssicher galt. Der Beamte Michael K. hatte ihnen die Tür geöffnet und sie mit zwei Dienstpistolen samt Munition ausgestattet.“
Reichlich Gelegenheit, zwischen Hier und Dort zu unterscheiden.
Dienstag, 8. Juni 10
„Sloweniens Bürger haben einem Abkommen zur Beilegung eines Grenzstreits mit Kroatien knapp zugestimmt“, berichtet Erich Rathfelder in der taz. „Nach Auszählung fast aller Stimmzettel haben sich in einem Referendum am Sonntag nach Angaben der staatlichen Wahlkommission 51,5 Prozent für eine Vereinbarung ausgesprochen, die die Klärung des seit Jahren schwelenden Konflikts durch internationale Schlichter vorsieht. Deren Beschluss soll bindend für die beiden früheren jugoslawischen Teilrepubliken sein.“
Zu welchem Teil des Wassers genau Slowenen respektive Kroaten hier respektive dort sagen dürfen, bleibt also ungeklärt. Aber es gibt einen Weg der Klärung.
Montag, 7. Juni 10
„Mehr als 1000 Menschen haben sich nach Angaben des Veranstalters am Samstagmittag auf Initiative des Bündnisses >Mediaspree entern< am Kottbusser Tot in Kreuzberg versammelt“, schreibt Svenja Bergt im Berlinteil der taz, „eine ähnliche Menge am Boxhagener Platz in Friedrichshain. Ihr Ziel: zunächst die Oberbaumbrücke, um von dort aus Flächen nördlich und südlich des Spreeufers zu besetzen und zu nutzen. Damit wollen sie gegen die teils fertiggestellte, teils geplante Bebauung des Ufers mit Büros, Hotels und Luxuswohnungen unter dem Projektnamen Mediaspree protestieren.“
Irreversibel würde Hier in Dort verwandelt.
Sonntag, 6. Juni 10
„Eine Barriere“, unterschreibt der Tagesspiegel das Foto, „soll in Perdido Key, 200 Kilometer östlich von New Orleans, antreibendes Öl aufhalten.“ Aber so wird man das Dort nicht daran hindern, das Hier zu überschwemmen und alle Badefreuden zu unterbinden.
Samstag, 5. Juni 10
„Sonja Suder hält ein Foto in der Hand. Es ist ein altes Foto, und es zeigt eine junge Frau. Ihre Haare sind kurz geschnitten, die Kamera hat einen braven, fast scheuen Blick eingefangen. Ein anderes Foto zeigt einen Mann mit Vollbart und langem Haar, das auf die Schultern fällt. Die Aufnahmen sind von 1978, sie zeigen Sonja Suder und ihren Freund Christian Gauger. Es sind Fahndungsfotos der Polizei, mit denen sie zwei mutmaßliche Terroristen suchte.“ So Andreas Förster in der Berliner Zeitung; er hat das Paar in dem Pariser Vorort St. Denis besucht.
„Sonja Suder und Christian Gauger droht in den nächsten Wochen die Auslieferung nach Deutschland. In Frankfurt am Main soll ihnen der Prozess gemacht werden. Sie sollen Mitte der Siebzigerjahre an drei Brandanschlägen der linksextremen Revolutionären Zellen beteiligt gewesen sein.“
Innerhalb der Hier/dort- also wieder mal eine Einst/jetzt-Geschichte.
Freitag, 4. Juni 10
„Wir sind nicht die ersten Jugendlichen, die in ein unbewohntes Haus eindringen. Es riecht modrig, die Wände sind unverputzt. An manchen Stellen ist kein Boden verlegt. Eine Wäscheleine hängt durch den größten Raum, eine Schürze baumelt daran. Das ganze Erdgeschoss ist ein Rohbau. Wir gehen die Treppe nach oben. Die Stufen knarzen. Dann stehen wir vor einer verschlossenen Tür, der Schlüssel steckt. Wir drehen ihn herum und betreten den Raum: verstaubte Teppiche, vergilbte Vorhänge, bezogene Betten. Überall Müll und Kleidung. Die Luft ist alt, im Schlafzimmer öffnen wir ein Fenster. Auf dem Küchentisch liegt eine offene Schachtel mit Keksen. Ein paar fehlen, die übrigen sind mit dickem Schimmel überzogen. Daneben: fünf blaue Hundertmarkscheine, wie sie von 1962 bis 1990 gedruckt wurden. Sie liegen einfach da, als warteten sie seit Jahren darauf, mitgenommen zu werden.“ So Philipp Mattheis im SZ-Magazin.
Die Jungs entflohen dem öden Hier ihres Alltagslebens, indem sie in das Dort eines verlassenen Hauses einstiegen, wo zu allem Überfluss auch noch ein Schatz sie erwartete – der Abenteuerroman.
Donnerstag, 3. Juni 10
„Knatternde Motoren, harte Kerle und chromblitzende Maschinen – am letzten Juniwochenende ist es wieder so weit: Vom 25. bis zum 27. Juni werden Zehntausende Motorradfahrer in die Hansestadt kommen“, schreibt das Hamburger Abendblatt. „Denn dann steigen zum siebten Mal die Hamburg Harley Days. Ort des Geschehens ist der Großmarkt Hamburg. Die Freifläche an der Großmarkthalle zwischen Amsinckstraße und Elbe wird für drei Tage zum >Harley Village<. Auf der eigens eingerichteten >Main Street< werden die Biker ihre Lieblinge präsentieren. Zahlreiche Verkaufsstände bieten wieder alles an, was das Motorradfahrerherz begehrt. Es werden Hunderttausende Schaulustiger erwartet, und die kommen vor allem wegen der Partystimmung: Stargast ist in diesem Jahr die Beliner Band The BossHoss.“
Auf diese kontrollierte und pädagogisch wertvolle Manier, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, kann das Dort ins Hier eindringen, ohne dass Verwirrung – Wackelpudding – entsteht.
Mittwoch, 2. Juni 10
„Allermöhe hat viele Gesichter. Da ist das idyllische Dorf Allermöhe, das sich seit dem 12. Jahrhundert an den Deich der Dove Elbe schmiegt. Und da ist Neuallermöhe. Besser: Allermöhe Ost und West. Zwei Neubaugebiete, hochgezogen rechts und links des Allermöher Sees, verbunden nur durch eine kleine Straße entlang des S-Bahn-Damms“, schreibt Denis Fengler im Hamburger Abendblatt. „Hunderte Familien aus den ehemaligen Sowjetrepubliken sollen hier seit 1992 eine neue Heimat finden. Später auch Familien aus Polen und Afghanistan. Allermöhe ist dadurch der jüngste Hamburger Stadtteil. 23,1 Prozent der Einwohner sind unter 15 Jahre alt.“
Unklare Verhältnisse zwischen Hier und Dort, schon wieder eine Art Wackelpudding. „Junge männliche Einwanderer seien in Allermöhe überproportional an Straftaten beteiligt, schrieb der umstrittene Bergedorfer Jugendrichter Olaf Masch in gestern im Hamburger Abendblatt. Ein auf ganz Hamburg übertragbarer Fakt.“
Dienstag, 1. Juni 10
Schon wieder wechselt ein Politiker vom Hier ins Dort. „Horst Köhler sagte seinen letzten Satz. >Es war eine Ehre, Deutschland als Bundespräsident zu dienen.< Dann nimmt er die Brille ab und schaut wie erstarrt geradeaus“, liest man in der SZ. „Es ist ein merkwürdiger Moment, weil Köhler angefasst wirkt, traurig. Zugleich sieht er so aus, als warte er darauf, dass ihm eine Frage gestellt werde. Er scheint, verärgert, geladen, als brauche er nur noch einen Anlass, seine Wut herauszulassen. Nichts passiert.“
„Also nimmt Köhler seine Frau Eva Luise an der Hand und führt sie nach rechts, in Richtung der hohen Tür, durch die sie um Punkt 14 Uhr hereingekommen sind. Köhler wendet den Kopf noch einmal zur Seite, aber noch immer ist nichts zu hören. Es ist eine Stille der Perplexität. Die Wucht des Moments ist stärker als die Courage der Journalisten.“
Sie genießen es, dass sie den Übergang vom Hier zum Dort so deutlich vor Augen haben.
Montag, 31. Mai 10
Unerreichbar ins Dort verschleppt, eine Frau namens Maria Bögerl. „Knapp drei Wochen nach ihrem Verschwinden fehlt von der entführten Frau des Sparkassenvorstands aus Heidenheim noch immer jede Spur“, zitiert die SZ dpa. „Bislang seien 1840 Hinweise eingegangen, sagte ein Polizeisprecher am Sonntag. >Eine heiße Spur ist nicht darunter.< Die 54-Jährige war am 12. Mai aus dem Haus der Familie in ihrem eigenen Auto entführt worden. Wenig später hatte ein Erpresser de Ehemann angerufen und Geld gefordert. Bei dieser Gelegenheit sagte die Verschleppte ihrem Mann, sie sei in Lebensgefahr. Die geforderten 300 000 Euro wurden, wie verlangt, an der Autobahn 7 hinterlegt, allerdings nicht abgeholt. Eine 80-köpfige Sonderkommission der Polizei arbeitet an den Fall.“
Sonntag, 30. Mai 10
„Eine >Solidaritätsflotte< mit 700 Aktivisten und 10 000 Tonnen Hilfsgütern ist auf dem Weg in den Gazastreifen. Dabei wollen sie die von Israel errichtete Seeblockade durchbrechen, die sie als völkerrechtswidrig ansehen. An Bord sind auch zwei Abgeordnete der Partei >Die Linke<, Annette Groth und Inge Höfer, die mit der Aktion auch die westliche >Öffentlichkeit aufrütteln und Druck auf unsere Parlamente machen wollen<“, schreibt Charles A. Landmann im Tagesspiegel.
„Auch der schwedische Autor Henning Mankell ist an Bord. Die israelische Marine will die Schiffe abfangen und zurückschicken oder in den eigenen Hafen Ashdod umleiten. Laut israelischer Regierung handelt es sich nicht um eine humanitäre Hilfsaktion, sondern um eine politische Protestdemonstration.“
Da entsteht also eine andere Art von Wackelpudding zwischen Hier und Dort, kurzfristig.
Samstag, 29. Mai 10
„>Der Deich ist in seinem Wesen nicht gefährdet<, sagt Innenminister Reiner Speer (SPD). Er ist wie viele andere Mitglieder der Potsdamer Landesregierung am Freitag an der Oder unterwegs, um sich über die Lage zu informieren. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) besucht mit seiner Umweltministerin Anita Tack von der Linken den Ort Zollbrücke (Märkisch Oderland) und betont gegenüber der Presse, das Oderbruch sei sehr gut auf die Flut vorbereitet. Heute stünden hier hochmoderne Deichanlagen: >Die Wackelpuddingerscheinungen der Deiche, wie wir sie hier 1997 flächendeckend hatten, können wir ausschließen<.“ So Manuela Heim in der taz.
Das Wasser hier, das Land dort (oder umgekehrt), kein Wackelpudding.
Freitag, 28. Mai 10
“Deutschland soll wild werden – auf zwei Prozent seiner Landfläche. In diesem Umfang sollten in der Bundesrepublik Gebiete der Natur überlassen werden, fordert das Bundesamt für Naturschutz (BfN) anlässlich des Internationalen Jahrs der Biologischen Vielfalt und erinnert die Bundesregierung an ein altes Versprechen. Vor drei Jahren formulierte diese selbst das Ziel, bis zum Jahr 2020 zwei Prozent der Landfläche Deutschlands der Natur zu überlassen. Doch seit 2007 ist das Land kein bisschen wilder geworden. Und das dürfte sich in der Zukunft kaum ändern.“ So Hanno Charisius in der SZ.
Wir viel zu wenig Hier in Dort verwandelt.
Donnerstag, 27. Mai 10
„Keine fünf Minuten braucht die Frau in dem verwaschenen Mini-Maus-Sweatshirt, um eine Entscheidung zu fällen: >Nee, du nicht<, sagt sie, rückt ihre mit Sternen verzierte Sonnenbrille auf der Nase zurecht und wendet sich prompt wieder ab. Eigentlich hatte das Mädchen, das vor ihr steht, nur gefragt, was denn heute los sei hinter dem Bretterzaun an der Holzmarktstraße. Indigniert schaut sie nun die Türsteherin an und das obligatorische >Wieso?< hängt für Sekunden unbeantwortet in der Luft. >Heute nur für Freunde<, sagt die Mini-Maus-Frau mit eiskalter Berliner Schnauze, womit sich das Gespräch für sie endgültig erledigt hat und den Abgewiesenen nichts anderes übrig bleibt, als wieder in den S-Klasse-Mercedes eines wartenden bekannten zu steigen.“ So Anne Lena Mösken und Fritz E. Schaap in der Berliner Zeitung.
Klare Verhältnisse zwischen Hier und Dort an der Außentür der Bar 25 in der Holzmarktstraße.
Mittwoch, 26. Mai 10
„Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) zieht sich aus der Politik zurück. Koch kündigte am Dienstag überraschend an, wer werde bis November alle Partei- und Regierungsämter abgeben“, schreibt Claus Hulverscheidt in der SZ. „Was er künftig tun will, ließ Koch offen. Er sprach lediglich von einem >unternehmerischen< Job. Zunächst wolle er jedoch ein wenig >durchatmen< und in ein >normales Leben< zurückkehren.“
Klar, er verlässt unser Hier. Und er verschweigt, in welches Dort genau er entschwindet.
Dienstag, 25. Mai 10
„Mit der Zunahme bewaffneter Konflikte überall in der Welt geht eine Privatisierung des Krieges einher“, kommentiert Peter Blechschmidt in der SZ die Meldung der Tagesschau, eine deutsche Sicherheitsfirma wolle ehemalige Bundeswehrsoldaten nach Somalia entsenden. „Offiziell erklärte Kriege gibt es kaum noch. Stattdessen geht die Gewalt von islamistischen Terroristen, südamerikanischen Drogenbanden oder somalischen Piraten aus. Regionale Kriegsherren machen sich die in vielen Ländern herrschende Gesetzlosigkeit zunutze. Andererseits versuchen Firmen und Prominente, sich vor Attentaten oder Entführungen zu schützen. All dies bietet privaten Sicherheitsanbietern ein üppiges Betätigungsfeld. Auf 250 Milliarden Euro schätzen Fachleute den Jahresumsatz solcher Firmen weltweit.“
Sie verwischen den Unterschied zwischen Hier und Dort.
Sonntag, 23. Mai 10
„Es ist, als würde man in eine andere Welt treten. Eine lauschige Oase, in der die Menschen freundlich sind, die Torten köstlich, die Steine alt und das Angebot jung. Dort, wo die Großstadt noch richtig Dorf ist, im Herzen von Wannsee, liegt Mutter Fourage, ein kopfsteingepflasterter Hof mit Kunstscheune, blühender Gärtnerei und einem hübschen Café. Das betreiben Dagmar und Heribert von Reiche seit zehn Jahren, im letzten Jahr haben sie auch den kleinen Lebensmittelladen übernommen, einer der ersten Bioläden Berlins, haben ihn renoviert und unter dem Namen >Feine Kost< neu eröffnet“, schreibt Susanne Kippenberger im Tagesspiegel. „Dort, wo früher Futter fürs Vieh vertrieben wurde – auch Heribert von Reiche, gebürtiger Wannseer, hat hier als Junge fürs Kaninchen eingekauft – werden nun Weinbergpfirsichlikör angeboten, Birnenessig, Hackepeter vom Bunten Bentheimer Schwein, Edelkastanienhonig, Gletscherkäse aus dem Inntal, Mangobrotaufstrich vom Gartenhaus Testorf“.
Wieder einmal ist also das Dort irgendwie (metaphorisch) das bessere Einst, und wenn es jetzt hier in Erscheinung tritt, kommt das Glück.
Bloß schauen sie so gar nicht wie Glücksbringer aus, hätte unsere Freundin Jutta gespottet, diese Glücksbringer. Sondern wie ganz normale Edelspießer.
Samstag, 22. Mai 10
„Die Sorgen vor einer neuen Oder-Flut wachsen – und das schneller als die Pegel: Nachdem die Signale bisher eher auf Entwarnung standen, rechnet Brandenburgs Landesregierung inzwischen doch mit einer >ernsten< Hochwassergefahr an der Oder. >Ich bin besorgt. Die Deiche werden einem Härtetest ausgesetzt<, sagte Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) am Freitag“, berichtet Thorsten Metzner im Tagesspiegel.
„Unwägbar ist etwa, was auf das einst unter Friedrich dem Großen entstandene tiefer gelegene Oderbruch – eine große Badewanne, 55 Kilometer lang, 15 Kilometer breit – zukommt. Erstmals seit Ewigkeiten führt nämlich auch die Warthe, die bei Küstrin in die Oder mündet, parallel Hochwasser.“
Das Dort, das ist einerseits Polen, wo sich die Wassermassen jetzt versammeln. Anderseits die Zukunft, in der sie hier einbrechen.
Freitag, 21. Mai 10
„Fünf Spitzenwerke der modernen Kunst sind aus dem Musée d’art moderne de la Ville de Paris geraubt worden. Ihr Wert beträgt mindestens 100 Millionen Euro“, schreibt die SZ auf der Titelseite.
„Übrig blieben nur die Rahmen. Die fünf Gemälde verraten große Kennerschaft: Es handelt sich um ein wichtiges Werk von Georges Braque, einen Picasso von 1912, ein Bild von Henri Matisse, das 1906 entstand, sowie ein Werk von Fernand Léger. Ein besonders großer Verlust ist ein Spätwerk Amadeo Modiglianis. Der Täter stieg durch ein Fenster ein, die Wächter bemerkten nichts. Die Alarmanlage soll kaputt gewesen sein.“
So verschwanden überaus kostbare Anteile des Hier ins Dort.
Donnerstag, 20. Mai 10
„Zwischen Ungarn und der Slowakei bahnt sich eine harte Auseinandersetzung um den Status der nationalen Minderheiten an“, berichtet Klaus Brill in der SZ. „Anlass ist ein Gesetzentwurf der neuen konservativen ungarischen Regierungspartei Fidesz, wonach demnächst alle ethnischen Ungarn in den Nachbarstaaten einen Anspruch auf die ungarische Staatsbürgerschaft haben.“
„Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico nannte diesen Vorstoß >eine dumme und sehr gefährliche Initiative< und kündigte Vergeltungsmaßnahmen an. Die slowakische Regierung werde eine doppelte Staatsbürgerschaft nicht dulden und allen Angehörigen der ungarischen Minderheit, die den ungarischen Pass annehmen, die slowakische Staatsbürgerschaft aberkennen, kündigte er an.“
Du kannst nicht gleichzeitig hier und dort sein.
Mittwoch, 19. Mai 10
„Wenn Fische sich selbst im Spiegel sehen, verspüren sie Angst. Das entdeckten Biologen der Stanford University, als sie Buntbarsche vergleichsweise mit ihrem eigenen Spiegelbild und mit Artgenossen konfrontierten“, referiert die SZ Biology Letters. „In beiden Fällen zeigten sich die Buntbarsche zwar gleichermaßen kampfeslustig, und auch ihre Hormonwerte stiegen ähnlich stark an. In kurzem Zeitabstand danach untersuchten die Forscher um Julie Desjardins jedoch zusätzlich die Gehirne der Fische. Bei der Spiegel-Gruppe fanden sie eine erhöhte Aktivität im Bereich der Amygdala. Das ist die Hirnstruktur, die Hirnforscher als Quelle der Angstgefühle ansehen. Desjardins vermutet, dass die ungewöhnlichen Reaktionen des Spiegelbildes die Fische irritieren. Normalerweise handle der Gegner nicht gleichzeitig, sondern mit einer gewissen Verzögerung.“
Es gibt nur noch Hier, das Dort ist verschwunden, und das macht Angst.
Dienstag, 18. Mai 10
„Den einen oder anderen Gegenstand könnte er als Kind noch in Händen gehalten haben. Davi Kopenawa vom Stamm der brasilianischen Yanonami betrachtet die jetzt im Münchner Völkerkundemuseum kunstherrlich ausgestellten Körper und Tongefäße der >Sammlung Fittkau< mit Stirnrunzeln“, berichtet Helmut Maurò in der SZ, „nur bei den prächtigen Federschmuck-Konstruktionen, zum Teil fast einen Meter hoch, verfällt er vom Staunen ins Grübeln.“
„Und ein bisschen Wut ist auch dabei, denn Davi Kopenawa weiß, wie seine Stammesgenossen früher Indianerschmuck gegen Blechtöpfe oder christliche Heilsversprechen tauschten und kaum bedachten, dass sie dabei nicht nur materiell, sondern vor allem ideell ein miserables Geschäft gemacht hatten.“
Der Weg von dort nach hier korrumpiert. Dabei gibt es zweierlei Hier und zweierlei Dort, München/Amazonas und materiell/ideell. Vielleicht sogar noch ein Drittes, Museum/Urwald.
Montag, 17. Mai 10
„Die Französin Clotilde Reiss, die mehr als zehn Monate unter Spionageverdacht im Iran festgehalten wurde, ist nach dem Ende ihres Prozesses heimgekehrt. Die 24-jährige Universitätslektorin traf am Sonntag kurz nach 13 Uhr an Bord einer Regierungsmaschine in Paris ein“, berichtet Tanja Kuchenbecker im Tagesspiegel. „Sie hatte Teheran unter größter Diskretion verlassen , was erst bekannt gegeben wurde, als sie schon in Dubai zwischengelandet war. In Paris wurde sie von Präsident Nicolas Sarkozy im Elysée-Palast empfangen.“
Erst damit ist sie endgültig und eindeutig (wieder) hier.
Sonntag, 16. Mai 10
„Das Räubertrio, das in der Nacht zu Donnerstag aus zwei Heimen für jugendliche Straftäter ausgebrochen ist, befindet sich weiter auf der Flucht“, berichtet Johannes Radke im Tagesspiegel. „Unklar bleibt, weshalb der Richter des Bereitschaftsgerichts Tiergarten die jungen Männer trotz mehrere brutaler Raubtaten, die sie verübt haben sollen, nicht in Untersuchungshaft schickte, sondern sogenannte >Unterbringungsbefehle< anordnete. >Die Entscheidung über die U-Haft liegt allein im Ermessensspielraum des Strafrichters<, sagte ein Berliner Sprecher der Justizverwaltung.“
Der Haftrichter hätte die Räuber verlässlich ins Dort verbringen müssen. Jetzt treiben sie sich wieder hier herum, ungreifbar.
Samstag, 15. Mai 10
Unversöhnlich in Hier und Dort gespalten ist Belgien. „Die niederländisch sprechenden Flamen mögen nicht einsehen, dass frankophone Wallonen sich in flämischen Gemeinden breit machen, ihre Kindern auf eigene Schulen schicken und kein Niederländisch lernen lassen“, schreibt Jeanne Rubner in der SZ, „und dann auch noch die eigenen Politiker wählen wollen. Die Wallonen wiederum fürchten um Sprachprivilegien und fordern reflexartig, dass ihre Rechte verbrieft werden. Die einen pochen auf das Recht des Bodens: Wer in Flandern lebt, hat sich den flämischen Gewohnheiten zu beugen. Die anderen berufen sich auf das Recht des Staatsbürgers und seiner Sprache. Demnach müssen die Wallonen Französisch sprechen und wählen dürfen.“
Freitag, 14. Mai 10
„Den vermutlich größten Biberdamm der Welt hat ein amerikanischer Forscher entdeck – mit Bildern aus dem Weltall“, zitiert die taz dpa, die die Los Angeles Times referiert. „Das von den Nagern errichtete gewaltige Bauwerk ist 850 Meter lang und liegt im Wood-Buffalo-Nationalpark in Alberta in Nordwestkanada. Der Ökologe habe eigentlich messen wollen, wie schnell der Dauerfrost dort zurückgeht. Dabei sei er auf den Satellitenbildern auf den Damm gestoßen. Nach dem Umweltforscher Jean Thie, der den Damm schon 2007 entdeckt hatte, müssen Generationen von Bibern daran gearbeitet haben.“
Sie mussten also sehr weit nach dort gehen, um hier was zu entdecken.
Mittwoch, 12. Mai 10
„Die Anspannung steht Bayram Yerli, dem Vereinsvorsitzenden der Islamischen Gemeinde Penzberg, ins Gesicht geschrieben“, so Stefanie Schöne in der taz. „Er hat die Presse eingeladen und teilt mit, dass die Mitglieder der Gemeinde weiterhin als potentielle Staatsfeinde gelten und vom bayerischen Verfassungsschutz observiert werden dürfen. Die Richter des bayerischen Verfassungsgerichts wiesen in der vergangenen Woche einen Dringlichkeitsantrag der Gemeinde auf ein Erwähnungsverbot im Bericht von 2008 ab. Yerli fasst die Reaktionen daraufhin so zusammen: >Wir sind sehr betroffen und bestürzt.<“
Sie bleiben dort. Sie sind nicht hier.
Dienstag, 11. Mai 10
Ein Grubenunglück in Russland. „Als sich am Sonntag kurz nach Mitternacht die erste Explosion in einer Tiefe von rund 490 Metern ereignete, sollen sich insgesamt 359 Kumpel unter Tage befunden haben. Von ihnen konnten jedoch nur knapp 300 gerettet werden. Während der Rettungsarbeiten kam es zu einer zweiten Explosion, 18 Rettungskräfte starben“, schreibt Elke Windisch im Tagesspiegel. „Die Einwohner von Kemerowo zweifeln, dass es gelingt, weitere Bergleute lebend zu bergen. Außerdem halten sie die offiziellen Verlustzahlen für geschönt. Wie eine Bergmannsfrau bei >Radio Moskwy< berichtete, ist in der Stadt von womöglich 80 Toten und über hundert Vermissten die Rede.“
Ein solches Unglück schafft eine scharfe Abgrenzung: Die Bergleute kommen nicht mehr von dort nach hier herein. Gleichzeitig entsteht eine andere Grenze: Hier (unten) misstraut man der Obrigkeit (dort), was sie über die Lage hier verlautbart.
Montag, 10. Mai 10
„Zu dem Vorwurf des sexuellen Missbrauchs“, unterschreibt die SZ das Foto, “will sich der ehemalige Augsburger Bischof Walter Mixa nicht äußern.“ Er schaut ängstlich von hier nach droben, weil dort angeblich der Herrgott thront, vermutlich eine vom Fotografen inspirierte parodistische Szene.
Sonntag, 9. Mai 10
Der Bauer Heinrich Schäfer musste erkennen, dass seine Form von Landwirtschaft unprofitabel ist. Er erwog den Anbau neuer Produkte. Er informierte sich mittels Kochsendungen im Fernsehen. „Dauernd kochten die da irgendetwas mit Fisch, Muscheln, Krebsen. Schäfer schaute ins Internet. Las von Garnelen, die jeden Tag tonnenweise nach Deutschland importiert werden. Sie stammen aus Vietnam, Bangladesh, Indien und den USA“, referiert Thorsten Hampel im Tagesspiegel. „Große Mengen sind antibiotikaverseucht manche werden deshalb gleich aus dem Verkehr gezogen.“ Bauer Schäfer machte einen Plan. „Er würde seine Lagerhalle mit Bottichen vollstellen, Tierärzte regelmäßig zu Untersuchungen kommen lassen, sie würden ihm bestätigen, dass er keine Arzneimittel benutzt.“
„Gerade ist Erntezeit in der Garnelenhalle, zum ersten Mal.“ Und so kann es nützlich sein, das Dort ins Hier, Vietnam, Bangladesh etc. nach Niedersachsen hereinzulassen.
Samstag, 8. Mai 10
„Im Kernkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein hat es erneut eine Panne gegeben. Bereits am Montag wurde während einer Überprüfung festgestellt, dass die Wände einer Rohrleitung nicht die vorgegebene Dicke hatten“, zitiert die SZ dpa. „Über die Rohrleitung gelangt Schwefelsäure in die radioaktiven Abwässer, um sie damit zu behandeln. Die Wandstärke sei weiterhin ausreichend, das betreffende Stück werde aber ausgetauscht, erklärte der Stromkonzern Eon, der das Kernkraftwerk betreibt.“
Immer wieder droht das böse Dort, die Mauer zum Hier zu durchbrechen (worin auch immer die Bosheit des Dort gerade besteht).
Freitag, 7. März 10
„Die rechtslastige >Bürgerbewegung pro Deutschland< will einen Berliner Landesverband gründen und bei der Abgeordnetenhauswahl 2011 antreten“, referiert Maik Baumgärtner in der taz. „Der Startschuss für den Wettkampf soll Anfang Juni bei einem Bundesparteitag in der Hauptstadt fallen. Doch bislang haben die Rechtsausleger keinen Raum gefunden. Das Rathaus Schöneberg, wo sie für den 5. Juni einen Saal anmieten wollten, erteilte der Partei eine Absage. An diesem Tag seien alle in Frage kommenden Räume belegt, teilte das Bezirksamt dem Parteichef Manfred Rouhs in einem Schreiben mit“.
Sie sollen dort bleiben; hier kommen sie jedenfalls nicht herein.
Mittwoch, 5. Mai 10
Aus welchen Gründen der Mann das Dort ins Hier einbrechen machte, bleibt unklar. „Sicher ist nur, dass der als orthodoxer Jude verkleidete 39-Jährige mit einem markerschütternden Schrei mitten hinein in eine Schweigeminute für die Toten der Kriege am Dienstagabend auf dem Dam, dem zentralen Platz in Amsterdam, eine Massenpanik auslöste“, schreibt Martin Winter in der SZ. Der Schrei mobilisierte die Leute noch nicht.
„In Bewegung gesetzt aber wurden sie erst, als ein Mann seinen Koffer fallen ließ, den eine nicht weit entfernt stehenden Frau für eine Bombe hielt und laut >Bombe! Bombe!< rief.“
Damit verwandelte sich das Hier ins Dort, Amsterdam in Bagdad oder Kabul oder Islamabad.
Dienstag, 4. Mai 10
„Das >feine linke Lager< möchte Robert Zion nicht verlassen“, referiert Annika Joeres in der Frankfurter Rundschau. „>Warum sollten wir mit den Konservariven paktieren, wo unsere Partei so stark ist wie noch nie?<, fragt der Gelsenkirchener Grüne. Seitdem Zion 2007 mit einer fulminanten Rede auf einem Bundesparteitag seine Partei überraschend gegen den Afghanistan-Krieg aufbrachte, gilt der Parteilinke als Stimme der Basis. Und die hat wenig Lust auf eine schwarz-grüne Regierung nach der nordrhein-westfälischen Landtagswahl am kommenden Sonntag. >Wir sehen keine Gemeinsamkeiten<, sagt Zion.“
Hier ist hier, dort ist Dort, und so soll es, wie im Fall von Spanien und Griechenland, bleiben.
Montag, 3. Mai 10
„Jennifer I. ist Staffelsteiner Thermenkönigin“, liest man im Fränkischen Tag. „Feierlich inthronisiert wurde in der Nacht zum 1. Mai die neue Thermenkönigin. Die 17-jährige Jennifer Pelkner hatte sich beim Casting gegen vier Mitbewerberinnen durchgesetzt. Die nunmehr dritte Thermenkönigin wird zwei Jahre regieren. Ihre Aufgabe ist es, die Stadt und die Obermain-Therme bei offiziellen Anlässen zu vertreten. Zur Inthronisierung wurde Jennifer I. von vier Ringern des AC Lichtenfels auf einer Sänfte in die Badehalle getragen.“
So macht man es dort. Hier in Berlin wären Thermenköniginnen undenkbar, selbst wenn sie Ayla hießen und die Ringer von Türkspor kämen, hätte unsere Freundin Jutta gespottet.
Sonntag, 2. Mai 10
Im Tagesspiegel beschreibt Maxi Leinkauf, wie sie mit dem schwarzen Schriftsteller Alain Mabanckou durch das afrikanische Paris gereist ist.
„Im Viertel Château-Rouge fahren wir mit der Metro. Hier ist der Anteil der Einwanderer dreimal höher als im Pariser Durchschnitt. Auf dem Marché Dejean verteilt ein hünenhafter Mann im weißen Umhang und Turban auf dem Kopf Zettel mit der Telefonnummer eines der vielen Wahrsager der Gegend, einem Marabout. Es riecht nach gegrilltem Mais und frischem Fisch. Schwarze Karpfen, Zackenbarsche, Adlerfische und Barrakuda glotzen von den Tischen. Männer und Frauen preisen Uhren, Handys, Gürtel und Perücken an, die sie auf einfachen Pappkartons ausgebreitet haben. Andere verteilen falsche Gucci-Taschen, afrikanische Tücher und Dessous auf den Vorderklappen fremder Autos. Es ist illegal, hier zu handeln, aber die Polizei greift selten ein.“
Hier ist dort.
Freitag, 30. April 10
„Nur wenige Stunden nachdem der spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero im Parlament von einer bevorstehenden >Erholung der Wirtschaft< gesprochen hatte, stufte die Ratingagentur Standard & Poor’s am Mittwochabend sein Land von >AA+< auf >AA< herunter“, schreibt Reiner Wandler in der taz. „>Spanien ist nicht Griechenland<, beteuert seitdem die spanische Regierung.“
Klar, Spanien ist hier, Griechenland dort, und so soll es bleiben.
Donnerstag, 29. April 10
„Bei einer Sonderkontrolle am Münchner Flughafen hat die Bundespolizei am Dienstag einen mutmaßlichen Kriegsverbrecher aus dem ehemaligen Jugoslawien festgenommen. Den 35-jährigen gebürtigen Serben wird vorgeworfen, während des Kosovo-Krieges im Jahr 1999 im Bereich der Stadt Djakovica >Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung< verübt zu haben“, liest man in der SZ. „Der Mann war von Chicago aus mit seiner Familie nach Tirana in Albanien unterwegs. >Wir wussten, dass er kommt<, sagte der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft München, Joachim Ettenhofer. Beim Zwischenstopp in München wurde der Mann direkt an der Flugzeugtür festgenommen. Gegen ihn lag ein internationaler Haftbefehl aus Serbien vor.“
Zum Dort müssen wir Chicago ebenso wie Tirana rechnen, wo der Haftbefehl nicht gilt. Zum Hier sogar Serbien – vor allem aber München, das der Mann am Flughafen nur zu berühren brauchte, um als Verbrecher identifiziert zu werden. Hier war es auch – Kosovo – wo er seine Untaten beging.
Mittwoch, 28. April 10
„Frank Hartman ist >Mars Rover Driver<. Er gehört zu den wenigen Auserwählten, die Spirit und Opportunity, die beiden Rover der US-Raumfahrtbehörde Nasa, über den roten Planeten lenken dürfen. Das Zwillingspärchen ist dort seit mehr als sechs Jahren unterwegs“, schreibt Alexander Stirn in der SZ.
„Ein Kommando braucht im Schnitt 20 Minuten, bis es den Mars erreicht; die Rückmeldung dauert noch einmal so lang. Jeden Morgen geben die Fahrer den Robotern daher die Marschrichtung für die nächsten Stunden vor. Die Rover drücken aufs Gas und melden am Ende des Tages Vollzug.“
Während das Hier nach Belieben gefüllt werden kann, die Gegenwart des Zeitungslesers, meine Hand, das Foto Frank Hartmans, im Unterschied dazu ist das Dort schlechterdings unerreichbar, der Mars.

